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Anja Rützels Kolumne: Bestürzend humorlose Infantilisierungsopfer


Frau Rützel, wer hat Sie diese Woche wütend gemacht?

Kanye West. Der öfters doch bestürzend humorlose Rapper hat einen australischen Burgerladenbesitzer gezwungen, das Logo seines Imbisses zu ändern, ein Wandgemälde zu überpinseln und seine Burgerkreationen umzutaufen – Name und Design von „College Dropout Burgers“ in Melbourne sind nämlich an Wests Album – man ahnt es – „College Dropout“ angelehnt und die aufgebotenen Frittierwaren nach Songs aus seinem Werk benannt. Aber nun darf der Chickenburger nicht mehr „Golddigger“ heißen, und der „Cheezus burger“, vage angelehnt an das Album „Yeezus“, braucht ebenfalls einen neuen Namen. Ich finde das kleinlich und bin gespannt, ob wenigstens der Frühstücksburger weiter „Good Morning“ heißen darf, oder ob West darauf auch ein Patent hat.

Der Imbissbesitzer hat glücklicherweise schon eine Lösung gefunden und seine Burger jetzt nach berühmten college dropouts, also Studienabbrechern, benannt, zum Beispiel nach Brad Pitt, Mark Zuckerberg und Bill Gates.

Die Sängerin Pink hat sich auf Twitter sehr deutlich gegen das Urteil des obersten amerikanischen Gerichts positioniert, das den Weg für verschärfte Abtreibungsgesetze freimachen soll. Haben Sie ihre anschließenden Diskussionen dort verfolgt?

Ja, und ich fand ihre klaren Worte sehr gut. Sie hatte getwittert: „Wenn du denkst, die Regierung sollte sich in die Gebärmutter einer Frau, in die Angelegenheiten einer schwulen Person oder ihre Ehe einmischen oder wenn du Rassismus in Ordnung findest: Dann hör bitte im Namen deines Gottes nie wieder meine Musik.“ Als sie dafür reichlich Hasskommentare kassierte, legte sie mit weiteren berechtigt zornigen Tweets nach. Und wandte sich zum Beispiel an „all die traurigen, alten weißen Männer“, die sie schnippisch fragten, ob sie denn überhaupt noch Musik mache: „Ich merke, dass ihr ein bisschen den Anschluss verpasst habt, fragt doch mal bei euren Kindern nach… Ach nee, geht ja nicht. Sie hassen euch.“

Die verstörenden Promi-Prozesse reißen nicht ab. Nun wurde der einstige Pop-Superstar R. Kelly wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger, Kidnapping und Bestechung zu 30 Jahren Haft verurteilt, und kurz vor Urteilsverkündung tauchte noch ein mindestens mal seltsamer Brief auf.

Ja, diese Wendung fand ich auch schwer zu fassen. In dem Schreiben an das Gericht erklärte eines seiner Opfer, inzwischen 26 Jahre alt, nun mit Kelly verlobt zu sein, und bat um ein mildes Strafmaß. Im Prozess selbst hatte sie vor drei Jahren allerdings noch sehr klar gegen ihn ausgesagt und sich auch selbst als Opfer identifiziert. Kelly habe ihr Befehle gegeben, sie musste ihn mit „Master“ ansprechen und so weiter, gab sie zu Protokoll. Ich kenne mich nur bedingt mit Romantik aus, aber für mich klingt das eher nicht nach der Basis für ein glückliches Eheversprechen.

Bill Kaulitz lieferte bei all diesen belastenden Themen vergangene Woche Material für ein bisschen Realitätsflucht: Er designte eine Mode-Kollektion, die an Kindheitsfiguren wie Benjamin Blümchen und Bibi & Tina angelehnt ist. Werden Sie was daraus kaufen?

Ich bin ja leider extrem prassanfällig und gebe zu, dass ich bei dem Hoodie mit dem in Heavy-Metal-Schrift aufgedruckten „Törööö“ kurz gezuckt habe. Allerdings bin ich natürlich eine andere Altersklasse und habe das Hörspielpersonal, das er da verwurstet, vor allem als genervte ältere Schwester bei meinen kleineren Geschwistern als Dauerdudelei erdulden müssen. Falls Bill aber nochmal eine zweite Kollektion für ältere Infantilisierungsopfer nachschießt – vielleicht mit dem Hasen Cäsar und Ratz und Rübe aus der „Rappelkiste“ –, stelle ich ihm sofort eine Einzugsermächtigung für mein Konto aus.

Was macht eigentlich Helene Fischer?

Wie so oft muss ich an dieser Stelle sagen: Ich weiß leider nichts Verbürgtes. Aber ich könnte mir gut vorstellen, dass sie gerade die Online-Speisekarten einschlägiger Spicy-Lokale durchforstet, um herauszufinden, ob irgendwer einen abmahnfähigen, extrascharfen und die Luft abschnürenden Atemlos-Burger anbietet.

Die Fragen stellte Christian Seidl.


Anja Rützel ist freie Autorin und schreibt vor allem über Fernsehen und Tiere. Für die Berliner Zeitung am Wochenende beobachtet sie die wunderliche Welt der Promis.



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