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Britische Upper Class bei Netflix vor Gericht: Bridgerton war gestern


BerlinMehr überprivilegierte britische Oberklasse geht kaum: Die Familie Whitehouse aus der neuen Netflix-Miniserie „Anatomie eines Skandals“ hat zwei blonde Kinder, die Eltern sind schnöselig-reich mit Oxford-Abschluss. Papa James (Rupert Good friend) ist ein überehrgeiziger, wenn auch charismatischer Politiker und Minister in der konservativen britischen Regierung mit – klar – Ambitionen nach ganz oben. Mama Sophie (Sienna Miller) hat dafür den passenden Look und lebt das langweilige, aber zumindest finanziell sorgenfreie Leben einer Londoner Politikergattin.

Beide Kinder werden schon früh auf vornehm getrimmt, schließlich sollen auch sie später zur vermeintlichen Elitegesellschaft des Landes gehören. Vati James fragt regelmäßig: „Was ist das Besondere an den Whitehouses?“ Pflichtbewusst rufen Sohn und Tochter: „Wir haben immer die Nase vorn!“ Den aristokratischen Ausnahmezustand, die Whitehouses leben ihn ganz ohne Scham.

Eigentlich alles additionally in bester Ordnung. Bis James, der smarte Posterboy der Konservativen, es mit seinem Ehegelübde nicht mehr ganz so genau nimmt. Schon in der ersten Folge beichtet er seiner Sophie von einer monatelangen Affäre – ganz klassisch, mit seiner Bürohilfe. Sagt aber auch: Das Tête-à-Tête mit der Untergebenen sei beendet, bedeutet habe es ihm ohnehin nichts, trotz Dutzender Hotelübernachtungen, dazu vergnüglicher Nachtschichten am Schreibtisch, er liebe nur seine Sophie.

Battle es Vergewaltigung? Oder ist es Rache?

Die, obwohl schwer verletzt, glaubt ihm. Fehler sind menschlich, ganz besonders die des Companions. Doch die Angestellte sieht das anders. Der letzte Intercourse mit James, da hatte er sich eigentlich schon von ihr getrennt und wollte, so zeigt Netflix es dem Publikum zumindest in unzähligen verschwommen Rückblenden, sich noch einmal leidenschaftlich verabschieden, struggle für sie eben genau das nicht. Sie zeigt ihn an. Ab Folge zwei muss James sich wegen Vergewaltigung vor Gericht verantworten. Und damit steht die Frage im Raum: Wann wird aus einem Ja ein Nein?

Doch Netflix schafft es nicht, dieses gesellschaftlich hochaktuelle Thema angemessen, vielleicht auch diskursiv aufzugreifen. Statt diese immer wieder lähmende Grauzone zwischen Ja und Nein auszuloten, konzentriert sich die sechsteilige Serie auf die allzu offensichtlichen, dabei immer auch schnell beantwortbaren Fragen: Wie privilegiert sind weiße, dazu reiche und heterosexuelle Männer in Machtpositionen eigentlich, macht es ihnen der Rechtsstaat immer noch etwas leichter? Was ist eigentlich Konsens, und wie kann dieser immer wieder – auch beim Intercourse –  sichergestellt werden?

Nur eine Nebenrolle für die Hauptzeugin

Dass Netflix vor allem aber die Privilegienfrage stellen will, müssen Zuschauerinnen und Zuschauer kaum zwischen den Zeilen lesen. Die ambitionierte wie talentierte – auch das weiß das Publikum aber nur, weil es stets von anderen Protagonistinnen erwähnt wird – Staatsanwältin Kate Woodcroft (Michelle Dockery) weist die anwesende Jury während der Gerichtsverhandlung gefühlt ein Dutzend Mal darauf hin, dass sie eben nicht vergessen dürften, dass es bei dem Fall nicht um den charismatischen Aristokraten geht, sondern ganz einfach um einen mutmaßlichen Sexualverbrecher.

Vor lauter völlig penetranten Hinweisen auf diese ungerechte Welt, auf eine vermeintliche Leistungsgesellschaft, die – insbesondere in Großbritannien – für viele immer noch eine klare Klassengesellschaft ist, vergisst „Anatomie eines Skandals“ aber das Opfer. Die mutmaßlich vergewaltigte Frau ist für die Serienmacher uninteressant, bis auf ihren kurzen Auftritt als Zeugin hat sie nicht viel zu sagen. Die Serie lebt von Erinnerungen an James’ und Sophies Zeit als vermeintlich glückliche Familie, als frisch verliebtes Paar an der Eliteuni, findet in deren vorzeigbarer Welt statt. Doch die von sexualisierter Gewalt vermeintlich Betroffene, die Angestellte, deren Chef das Macht- und Vertrauensverhältnis mindestens unmoralisch ausgenutzt hat, diese Frau wird nicht gehört. Wenigstens hier, wenn sicher auch unbeabsichtigt, zeigt Netflix eine ziemlich reale Seite sexualisierter Gewalt.

Wertung 2 von 5 Punkten

Anatomie eines Skandals, 6 Folgen, Netflix



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