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Da müssen Sie am Wochenende unbedingt hin: Die Kulturtipps der Redaktion


Musiktheater: Posthumanistisches Gesamtkunstwerk

Das, wofür Robert Wilson und Philip Glass 1976 in Avignon den Grundstein gelegt haben, könnte in der als posthumanes Gesamtkunstwerk angekündigten Inszenierung ihrer avantgardistischen Oper „Einstein on the Beach“ durch die Regisseurin Susanne Kennedy und ihren Bühnenbildner Markus Selg seiner Erfüllung näher kommen. Der Schaffung eines Kunstwerks, das nichts bedeutet oder erklärt, sondern die Grenzen zwischen Simulation und Realität sowie zwischen Maschine und Mensch öffnet.

Ingo Höhn

Die Sänger sind verteilt, die Violinistin Diamanda Dramm steht in der Mitte bei „Einstein on the Beach“ im Haus der Berliner Festspiele.

Kennedys und Selgs Bühnenarbeiten rücken immer weiter vom Irdisch-Erzählerischen ab und schweben immer höher in immaterielle, jenseitige Designwelten. So richtig klar ist dabei nicht, was eigentlich die Rolle des Zuhörers und Zuschauers sein könnte, im Haus der Berliner Festspiele darf er sich nach eigenem Ermessen ins Geschehen fügen, auf der Drehbühne mitfahren oder pausieren. Die minimalistischen Loopkompositionen von Glass könnten gut behilflich sein beim geistigen Loslassen und beim Erfahren von Zuständen der Leere, die einen möglicherweise ereilen, wenn die Seele auf einen Server hochgeladen wird. Ulrich Seidler

Einstein on the Beach 1., 2. Juli (18 Uhr), 3. Juli (16 Uhr) im Haus der Berliner Festspiele, Karten und Informationen unter: www.berlinerfestspiele.de


Spiel: Pokémon Go Fest im Britzer Garten

Niantic

Icognito, Schilterus, Schabelle, Sodamak und ein paar Tarnpignons zu Gast im Britzer Garten.

Gamer operieren ja normalerweise im Verborgenen, doch als 2016 Pokémon Go herauskam, änderte sich das. Das Augmented-Reality-Spiel lässt sich nicht vom Sofa aus spielen, die Pokémon-Trainer mussten raus in die Welt. Es waren viele am Anfang, manchmal verstopften sie Brücken oder versammelten sich an unpassenden Orten, wie zum Beispiel auf Friedhöfen oder am Holocaust-Mahnmal. Der erste Hype ebbte allerdings schnell wieder ab und das Spiel verschwand aus der öffentlichen Wahrnehmung. Doch dieser Schein trügt. Die Community ist noch immer riesig und nach zwei Jahren Corona-Pause trifft sie sich nun wieder live. Aus der ganzen Welt reisen an diesem Wochenende Spieler in den Britzer Garten, um dort Pokémon zu fangen, zu tauschen und gemeinsam ihr Hobby zu feiern. Die Veranstalter rechnen mit 70.000 Besuchern. Claudia Reinhard

Pokémon Go Fest Berlin, 1.–3. Juli im Britzer Garten. Tickets ab 25 Euro gibt es hier


Kunst: Identitäten und die Geister der Ahnen

Kaloki Nyamai

Kaloki Nyamai: „Vandu Vala Twekala“, 2022, Mixed media, Acryl, Collage, Stickerei auf Leinwand

Gerade jetzt, in dieser oftmals fast afrikanischen Hitze in Deutschland, vor allem auch im steinernen Berlin, stellt der Kenianer Kaloki Nyamai seine schönen, rätselhaften Bilder in der Galerie Thumm aus. Er lebt und arbeitet in Nairobi, der Hauptstadt mit mindestens 4,5 Millionen Einwohnern. In seinen oft auf Jute gemalten, farbleuchtenden Motiven befinden sich die Menschen oft wie hinter Schleiern. Dem Maler geht es in seiner Schau „Moments That I Miss“ um Fragen der Identität, darum, was es bedeutet, einen bestimmten Körper in verschiedenen Räumen zu bewohnen. Und er will ausdrücken, wie die Geschichte des Kamba-Volkes die Identität im heutigen Kenia prägt. Die spirituelle Welt ist wie in vielen afrikanischen Religionen Zentrum des Glaubens und prägt auch den Alltag. Die Geister der Ahnen erfüllen oft ähnliche Aufgaben wie im Christentum die Engel, aber auch der Dämonen. Nyamai, der auch als Innenarchitekt und Filmemacher tätig war, malt in komplizierter und raffinierter Mischtechnik. Seine Bilder sind präsentiert als Installationen, in die wir förmlich mit unseren Blicken hineingehen können. Derzeit sind Arbeiten des Malers aus Nairobi auch im kenianischen Pavillon auf der Biennale von Venedig zu sehen. Ingeborg Ruthe

Galerie Thumm, Markgrafenstr 68, bis 30. Juli, Sa. 11–18 Uhr (sonst Di.–Fr. 11–18 Uhr)


Film: Der seltsame Typ aus „Axiom“

Bon Voyage Films GmbH

Ricarda Seifried und Moritz Treuenfels
in „Axiom“.

Im fsk-Kino in Kreuzberg läuft der Film „Axiom“ über den netten jungen Mann, der zu allem etwas erzählen kann, schnell Freundschaften knüpft, gern eingeladen wird, aber doch selbst gar nicht so viel zu bieten hat. Es dauert, bis man Julius auf die Schliche kommt, was auch zeigt, wie empfänglich wir für Lügen sind. Oder nur für ein bisschen Image-Kosmetik. Der Regisseur Jöns Jönssen sagt, er wollte einen Film über das Menschsein machen, wie er es sehe, zusammengefasst in dem Satz „Fake it till you make it.“ Der auch für die Karriereberatung genutzte Spruch bedeutet ja eigentlich, dass man durch Nachahmung nur besser werden kann.

Dazu, wie er die Figur des modernen Münchhausen geschrieben und inszeniert hat, kann man Jönssen am Sonnabend nach der Vorstellung des Films befragen. Er bringt Petra Welteroth mit, die als die Mutter des Helden kurz, aber nachdrücklich eine Vergangenheit andeutet, die nicht weiter ausgeführt wird. Wie spielt man eine Figur, deren Geschichte wichtig ist, ohne dass diese Geschichte gezeigt werden kann? Und apropos Münchhausen: Die Mutter kommt an einem Punkt ins Spiel, da Julius im Krankenhaus gelandet ist. Das Münchhausen-Syndrom ist ein Krankheitsbild. Welche Rolle spielte das für den Regisseur und Drehbuchautor? Sollte die Erzählung um Wahrheit und Lüge damit einen tragischen Widerhaken bekommen? Cornelia Geißler

Axiom: Vorführung und Gespräch, Sa., 2. Juli, 20 Uhr, fsk, Segitzdamm 2


Kunst: Die Fantasy-Collagen der Werefkin-Preisträgerin Kerstin Grimm

Kerstin Grimm

Kerstin Grimm:„ Weltbild“ in der Galerie Pankow

Neun Anwärterinnen gab es für den diesjährigen Marianne-Werefkin-Preis, vor 22 Jahren begründet vom damaligen Direktor der Berlinischen Galerie Jörn Merkert und gestiftet vom Verein Berliner Künstlerinnen. Er erinnert an die Malerin Marinna von Werefkin (1860–1938). Aus dem russischen Tula stammend, zählte sie zur frühen Avantgarde, die im deutschen Expressionismus, insbesondere in der Gruppe „Blauer Reiter“, Prägendes leistete. Viele Jahre war sie die ausgesprochen eigenständige Gefährtin des polyamourösen Malers Jawlensky.

Die Preis-Jury entschied sich für die gebürtige Oranienburgerin Kerstin Grimm, Jahrgang 1956, deren oft geradezu märchenhafte Bildsprache zwischen Malerei, Zeichnung und Collage pendelt. Sie entwirft in ihren Arbeiten, bestehend aus mehreren Schichten von bemaltem Papier und teilweise überzogen von Transparentpapier – Welten, die grotesk und intim zugleich wirken. Figur und Landschaft, Gegenstand und Seismogramm, sensible Linearität und transparente Farbigkeit überlagern sich. Grimms Leidenschaft für das Fantastische, für die Darstellung von Tieren, Kindern und Fabelwesen zieht sich seit jeher durch ihr gesamtes Werk, bestehend aus Serien von Zeichnungen, kleineren Bronzeplastiken und dem markanten Zyklus „Kinderspiele“. Der erste Berliner Kunstpreis ausschließlich für Frauen ist mit 5000 Euro dotiert. Die Galerie Pankow richtete Kerstin Grimm und ihren Mitbewerberinnen eine fulminante Ausstellung aus. Ingeborg Ruthe

Galerie Pankow, Breite Str. 8., bis 28. August, Di.–Fr. 12–20/Sa.+So. 14–20 Uhr


Oper: In der Staatsoper hören Sie Yusif Eyvazov „Nessun Dorma“ singen

Matthias Baus

Eine Szene aus „Turandot“, das attraktive Bühnenbild ist gut zu erkennen.

An der Staatsoper Unter Den Linden ist seit zwei Wochen „Turandot“, die letzte Oper des Komponisten Giacomo Puccini, zu sehen. Dieses Wochenende wird sie am Freitag (19:30 Uhr) und am Sonntag (18:00 Uhr) aufgeführt. Inszeniert von Philipp Stölzl, ist diese Oper mit einem atemberaubenden Bühnenbild verschmolzen, dass mitunter eher an einen Horrorfilm erinnert als eine typische Opern-Inszenierung. Im Zentrum der Bühne hängt eine Turandot-Marionette, die sich im Laufe der Vorstellung zunächst langsam auflöst und später in eine Art Spinne verwandelt. Eine nicht unumstrittene Interpretation der auf einer Erzählung aus der persischen Sammlung „Tausendundein Tag“ basierenden Oper.

Warum man aber vor allem in „Turandot“ geht, bleibt die Arie „Nessun Dorma“. Sie wird in der aktuellen Inszenierung derart schön von Yusif Eyvazov gesungen, dass man nur staunen kann. In der Mittwochsaufführung kulminierte sie in stürmischem Applaus des Publikums. „Turandot“ in der Staatsoper ist unterhaltsam, wirklich schön gesungen und definitiv einen Besuch wert! Oft gibt es in den letzten 15 Minuten vor Beginn an der Kasse übrigens billige Tickets für gute Plätze. Friedrich Conradi

Turandot 1., 3., 8. Juli in der Staatsoper Unter den Linden, Karten unter Tel.: 203 54 555 oder www.staatsoper-berlin.de


Ein Schnupperangebot für Musicalfans: Die Schreib:Maschine

Ralf Rühmeier

Die Schreib:Maschine

Wer sich für Musical interessiert, sollte sich das mal angucken: diesen Abend namens Die Schreib:Maschine, veranstaltet von der Deutschen Musical Akademie. Das ist eine offene Bühne für Menschen, die Musicals schreiben und die Musik dafür komponieren, ein Abend, an dem sich alte Hasen und Neulinge austauschen und inspirieren können – zum Vergnügen des Publikums.

Was dieses erwartet: erste Entwürfe, absolute Uraufführungen, auch prominente Sängerinnen und Sänger. Was es eher nicht gibt: Choreografien und Kostüme. Die Abende zeigen zumeist 15 Minuten lange Einblicke in vier bis sechs unterschiedliche Werke. Interpretiert werden die Szenen und Songs in der Regel als Readings mit Klavierbegleitung. In der Pause und nach der Show gibt Getränke, und dass hier alle miteinander ins Plaudern kommen, ist erwünscht. Den Abend moderiert der Autor und Komponist Tom van Hasselt. Susanne Lenz

Die Schreib:Maschine 3. Juli, 20 Uhr, BKA-Theater, Mehringdamm 34


Gespräche und Musik: Ukrainischer Nachmittag in der Bibliothek

Story One

Das Buchcover von Valeria Shashenok

Wer mehr weiß, kann besser verstehen. Wer Schicksale kennt, kann besser mitfühlen. Die Amerika-Gedenkbibliothek am Halleschen Tor lädt am Sonnabend zum Ukrainischen Nachmittag. Er beginnt um 14 Uhr mit einer Diskussionsrunde über Literatur und Krieg, an der die Schriftsteller Sofia Andruchowytsch, Oleksandr Irwanez und Andriy Lyubka beteiligt sind, außerdem die Fotografin Valeria Shashenok.

Mit ihr gibt es um 17.30 Uhr noch eine Extra-Runde. Valeria Shashenok hat bereits vor einigen Wochen ein hochaktuelles Buch zum Thema veröffentlicht, zusammengestellt aus ihren Botschaften auf TikTok, die sie von Kriegsbeginn an postete. „24. Februar … und der Himmel war nicht mehr blau“, heißt es (Story.one, 90 Seiten, 16 Euro. E-Book: 9,99 Euro). Die 20-Jährige schickte Videos aus dem Bombenschutzkeller, sie zeigte, wie ein Alltag selbst unter extremen Bedingungen möglich ist. 17 Tage saß sie mit ihrer Familie fest – und ihr war dabei bewusst, dass es anderen noch schlimmer erging. Sie dokumentierte anschließend auch die Flucht über Polen nach Italien. Und jetzt zeigt sie weiter auf TikTok (@valerisssh), wie sich ihr Leben verändert hat.

Zwischen den beiden Gesprächen in der AGB spielt Zori Ameliko an der Bandura, dem ukrainischen Nationalinstrument. Ameliko hat in den vergangenen Monaten einige Konzerte in den Kiewer U-Bahn-Schächten gegeben. Cornelia Geißler

Ukrainischer Nachmittag, 2.7. ab 14 Uhr, Amerika-Gedenkbibliothek, Blücherplatz 1, www.zlb.de



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