Lifestyle

Der Berg ruft auch die großen Modemarken


Lucie und Luke Meier, die Chefdesigner von Jil Sander, hatten im Interview mit unserer Sonntagszeitung vor knapp einem Jahr schon eine gute halbe Stunde über ihr Verhältnis zu praktischen Schuhen gesprochen. Es ging um ihre Zusammenarbeit mit Birkenstock für den Sommer, um Funktionalität und Draußensein, als das Paar zum Ende hin bemerkte, dass es sich mit seiner Mode künftig auch rauen klimatischen Bedingungen stellen werde. Ihr nächster Kooperationspartner heiße Arc’teryx. Manche mögen über diesen Markennamen mit Apostroph noch stolpern, entscheidend ist: Menschen, die gerne in die Berge fahren, tragen die Softshell-Jacken der kanadischen Marke oft auch in der Stadt. Soeben hat das Unternehmen ein neues Lawinenairbag-System entwickelt.


Jennifer Wiebking

Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Nun sind praktische Schuhe und Regenjacken nicht neu in der Luxusmode. Die ist längst nicht mehr nur zu Hause in Haute-Couture-Salons wie jenem von Coco Chanel mit prachtvoller Spiegeltreppe, über die revolutionäre Entwürfe aus dem Modehimmel einst Richtung Erde gelangten. Wenn Jil Sander selbst um ein Foto von sich gebeten wird, zeigt sie noch heute mit Vorliebe eine ältere Peter-Lindbergh-Aufnahme, der Wind weht ihr ins Haar, den Kaschmirmantel hält sie geschlossen.

Aber es handelt sich bei diesem Modell immer noch um einen Kaschmirmantel und zum Beispiel nicht um einen für den Gletscher tauglichen, wasserdichten Unisex-Schneeanzug mit atmungsaktiven Gore-Tex-Options wie jenen, den die heutigen Jil-Sander-Kreativdirektoren für Arc’teryx entworfen haben. Oder um thermoregulierende Jacken und Wanderstiefel, die mehr sind als Luis-Trenker-Zitate, wie sie Gucci und The North Face seit vergangenem Jahr und mittlerweile schon in einer zweiten Kollektion gemeinsam lancieren.

Ein gemeinsames Design von Gucci und The North Face


Ein gemeinsames Design von Gucci und The North Face
:


Bild: Gucci


Natürlich gibt es noch von der Mode unberührte Flecken: Deuter zum Beispiel. Oder Schöffel. Aber diese Liste wird kürzer. Und die Richtung ist klar: der alpine Ausrüster Salomon und die konzeptuelle Pariser Modemarke Comme des Garçons, Jack Wolfskin und das Berliner Label GmbH. Hauptsache raus.

Marken an der frischen Luft

Seit fünf Jahren hat der Stil einen Namen, er nennt sich Gorpcore. Mit gorp ist in den Vereinigten Staaten Studentenfutter gemeint, das nahrhaft und praktisch ist, wenn man irgendwo zwischen Zelten im Wald und Gipfelwanderung steckt. Ästhetisch ist diese Artwork von Mode dort anzusiedeln, geographisch erobert sie seit einigen Jahren das urbane Umfeld. Den Pattern gibt es schon länger, die Luxusmode ist noch recht neu dabei. Lange waren das nämlich, aller kernigen Designer-Cordwesten zum Trotz, zwei verschiedene Welten: Luxusmode sollte vor allem intestine aussehen, Out of doors-Bekleidung technisch sinnvoll sein. Die Type gegen die im Zweifel lebensrettende Funktion. Mailand gegen Montafon.

Nur: Was hatte die Stadt in den härteren Pandemiemonaten schon zu bieten, wenn dort Eating places, Bars, Resorts und Geschäfte geschlossen blieben? Stattdessen appellierten verzweifelte Bürgermeister verschneiter Dörfer auch in Deutschland an Touristen, bitte bloß nicht anzureisen. Von Stadtflucht und Glück auf dem Land battle die Rede. Auf einmal gehörten Fahrräder zu raren Gütern. Viele Modefirmen vermeldeten Umsatzeinbrüche, viele Outdoorfirmen kamen blendend zurecht. Um beim Beispiel Arc’teryx zu bleiben: 15 Prozent Wachstum und 21 neue Geschäfte im Jahr 2021.



Supply hyperlink

Leave a Reply

Your email address will not be published.

close