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„Dickes Deutschland“: Fernsehen am Rande der seelischen Grausamkeit


Schön ist, was gefällt? Selbst bei Heidi Klum, die noch vor wenigen Jahren bei „Germany’s Subsequent Topmodel“ predigte, dass sie nichts schwabbeln sehen will, ist die Idee der Physique Positivity nun angekommen: Character statt Idealmaße – und je mehr anders, umso besser. 

Bei RTL2 hingegen ist weiterhin alte Schule angesagt. Nach arm und arbeitsunwillig stehen dort mit „Dickes Deutschland“ jetzt die Adipösen am TV-Pranger. Angeblich geht es in der Doku-Cleaning soap darum, dem schwergewichtigen Teil der Bevölkerung den Spiegel vorzuhalten. „‘Dickes Deutschland‘ begleitet Menschen in ihrem Alltag zwischen Lebenslust und Kilofrust“, dichtet die Stimme aus dem Off, „emotional und hautnah“. 

Ein Leben auf der Sofa, 24/7 

Lebenslust? Florian, 25 Jahre alt und 250 Kilogramm schwer, verbringt 24 Stunden täglich auf seinem Couch. Und das nicht, weil es dort so schön gemütlich ist, sondern weil er eigentlich nur dort noch sitzen kann. Wenn der als arbeitsunfähig geltende Florian davon redet, mal vor die Tür zu gehen, dann macht er genau das: Tür auf, Put up aus dem Briefkasten holen, Tür wieder zu. Die 87 Treppenstufen zurück zum Couch schafft er nur noch mit mehreren Atempausen. 

Stefan, 45 Jahre alt, bringt circa 180 Kilo auf die Waage. Er leidet an Ödemen, additionally schmerzhaften Wassereinlagerungen in den Beinen. Auch er lebt und schläft längst auf dem Couch, ohne seine Lebensgefährtin wäre er wohl ein Pflegefall. Baden? Geht nicht mehr, die Wanne ist zu schmal. „Der 45-Jährige müsste dringend abnehmen“, fasst RTL2 das allzu Offensichtliche für die ganz Begriffsstutzigen zusammen. Und hält voyeuristisch immer wieder mit der Kamera auf die aufgequollenen, mit Wunden übersäten Beine von Stefan. 

Quick Meals zwischen den fettigen Hauptmahlzeiten 

Lars, 44 Jahre alt und 155 Kilo schwer, führt immerhin noch ein Leben jenseits des Sofas. Besonders gerne besucht er zwischen den Hauptmahlzeiten seine Frau, die eine Imbissbude leitet. Dort lässt er sich seinen Lieblings-Burger servieren, der mit Fleisch, Bacon und frittierten Zweibelringen belegt und mit Pommes garniert wird. „Da kann man einfach nicht abnehmen“, sagt Lars und lacht fröhlich: „Alles intestine – glaub ich zumindest.“ 

Die Leute? „Sollen denken, was sie wollen“, findet er. Dass er als stark adipös gilt, ist Lars ebenfalls ziemlich egal, genau wie die Tatsache, dass er bereits an Bluthochdruck leidet. „Ich bin eben ein Genussmensch“, argumentiert er. Ist das nun Physique Positivity – oder einfach nur dämlich? 

Der Starvation? Alles seelisch, diagnostiziert RTL2 

Zusammen sind Lars, Florian und Stefan quick 600 Kilogramm schwer. Von etwaigen Versuchen, daran etwas zu ändern, berichtet RTL2 nichts. Warum in Frage stellen, was man auch einfach nur vorführen kann? Die drei Herren machen das, was Ernährungswissenschaftler als langsamen kulinarischen Suizid bezeichnen: Sie essen Kohlenhydrate mit Fett in großen Mengen. Und RTL2 hält einfach nur mit der Kamera drauf. 

Das seelische Päckchen, das jeder der Protagonisten zu tragen hat, wird hingegen von RTL2 hinreichend zelebriert: die Erinnerung an die tote Mutter, das Mobbing in der Schule, die Einsamkeit. Die Botschaft im Subtext: Eigentlich können die drei gestandenen Männer gar nichts für ihre XXL-Statur. Denn sie haben ja auch XXL-Probleme. 

„Nachts essen – wer macht das nicht?“ 

RTL2 zeigt Stefan, wie er nachts in der Küche eine ganze Fleischwurst vertilgt. Stefan „leidet an nächtlichen Essattacken“, konstatiert der Sender – als wäre der nächtliche Appetit eine Viruserkrankung, der man hoffnungslos ausgeliefert ist. „Die Ursachen des sogenannten Binge Eatings sind oft in der Psyche zu finden“, salbadert die Stimme aus dem Off weiter und verkündet allen Ernstes: „Als Auslöser kommen damaging wie optimistic Emotionen in Frage.“ 

Soll heißen: Dafür, dass man nachts den Kühlschrank leerfuttert, findet sich im Nachhinein immer eine gute Begründung. „Nachts essen, okay – wer macht das nicht?“, fragt Stefan eher rhetorisch. „Wenn ich Starvation habe, habe ich Starvation. Das ist regular.“ 

Die Butternudeln mit Käse? Aber bitte mit Mayo! 

Immerhin gibt es zu den drei Herren noch ein weibliches Gegengewicht: Lisa, 20 Jahre alt und 186 Kilo schwer, leidet an einer unheilbaren Krankheit namens Lipo-Lymphödem, durch die es zu extremen Wassereinlagerungen im Körper kommt, die Lymphe nicht ordnungsgemäß abfließt und sich das Fettgewebe des Körpers krankhaft vermehrt. Das sieht nicht nur erschreckend aus, sondern tut außerdem auch noch weh. „Ich kenne kein Leben ohne Schmerzen“, sagt sie. 

Die seelische Belastung ist in Lisas Fall tatsächlich groß, doch die Kauffrau lässt sich davon nicht unterkriegen. Sie passt streng auf beim Essen und zählt tapfer Kalorien – auch wenn dies auf ihre Körpermaße keinen Einfluss hat, weil die Krankheit trotzdem macht, was sie will. Schon bald will sie dich Fett absaugen lassen. In der Hoffnung, danach wenigstens ein bisschen mehr Lebensqualität zu haben. 

„Dickes Deutschland“ ist eines dieser TV-Formate, die ungefähr so nötig sind wie die Mayonnaise zu den in reichlich Butter angebratenen Käse-Nudeln, die Lars von seiner Schwiegermutter serviert bekommt. Notdürftig in das Mäntelchen der gesundheitlichen Aufklärung gehüllt, changiert die Doku-Cleaning soap irgendwo zwischen Geisterbahn und seelischer Grausamkeit. Und lässt selbst eine Present wie „Germany’s Subsequent Topmodel“ daneben aussehen wie das Flaggschiff eines neuen, positiven Menschenbildes.





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