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Die Welt fürchtet eine neue Hungersnot


Davos David Beasley ist es gewohnt zu mahnen, doch dieser Tage warnt der Direktor des UN-Welternährungsprogramms mit einer neuen Dringlichkeit: „Wir stehen vor der schwersten humanitären Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.“ Der Krieg in der Ukraine mit seinen Folgen sei verheerend für die Nahrungsmittelsicherheit auf der ganzen Welt. „Wir werden Hungersnöte haben.“

Schon vor dem Ukrainekrieg sei die Ernährungslage durch Dürren und Lieferprobleme infolge der Covid-Lockdowns gestört gewesen. Jetzt werde durch die russische Blockade der ukrainischen Häfen ein Land aus der globalen Nahrungsmittelproduktion genommen, das normalerweise 400 Millionen Menschen ernähre, erläutert Beasley. Hinzu kämen höhere Benzin- und Transportkosten für die Bauern – und der fehlende Dünger aus Russland und Belarus für die nächste Ernte weltweit. „Es ist der perfekte Sturm.“

Die Nahrungsmittelpreise liegen nach dem Index der UN-Landwirtschaftsorganisation (FAO) in diesem Frühjahr auf Rekordniveau. Speiseöl, Getreide, Milchprodukte: Alles ist teurer. In den kommenden Monaten dürfte sich die Lage noch verschärfen, wenn aus den wichtigen Exportländern Russland und Belarus kein Dünger kommt und dadurch geringere Ernten in Nord- und Südamerika, Afrika und Asien drohen.

Noch spreche die Welt über gestiegene Lebensmittelpreise, sagt der Chef des Welternährungsprogramms. Doch schon bald könne einfach nicht mehr genügend Nahrung weltweit zur Verfügung stehen.

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Die Warnungen sind mittlerweile auch in den obersten politischen Etagen angekommen. „Die Zeichen einer wachsenden Nahrungskrise sind offensichtlich“, sagt EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen in Davos. „Wir müssen dringend handeln.“

Gegenmaßnahmen sind äußerst schwierig

Doch schnelle Gegenmaßnahmen sind schwierig. So blockiert Russland die Häfen in der Ukraine und verhindert so den Export des Getreides. 20 Millionen Tonnen Weizen stecken nach EU-Angaben in der Ukraine fest. Auf Alternativrouten über Land kommt nur ein Bruchteil der fünf Millionen Tonnen, die normalerweise das Land verlassen, zu den Kunden.

Weizenernte in Russland

Die weltweite Kritik an Russlands Umgang mit Weizen-Exporten wächst.


(Foto: AP)

Der russische Präsident Wladimir Putin nutze Nahrungsmittel ebenso wie Energierohstoffe als Waffe, kritisiert von der Leyen. Beasley nennt es eine „Kriegserklärung gegen die globale Nahrungsmittelsicherheit“.

Experten fordern unisono, dass die Häfen jetzt freigegeben werden müssten, um die Getreidesilos in der Ukraine für die nächste Ernte freizubekommen. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski versucht, mithilfe europäischer Staaten eine Transportzone im Schwarzen Meer zu verhandeln.

Doch bisher will der Kreml die Blockade nur lockern, wenn die Sanktionen gegen Russland aufgeweicht werden. Zudem liefert Russland sein eigenes Getreide nur noch an ausgewählte Länder.

Hafen von Mariupol

Weil die ukrainische Häfen blockiert sind, ist der Export aus dem Land zum Erliegen gekommen – mit weitreichenden Folgen.


(Foto: AP)

Die Lage werde sich in den kommenden Wochen und Monaten noch verschlimmern, prognostiziert auch Erik Fyrwald, CEO des Agrartechnologieunternehmens Syngenta. Und Experten sind sich einig, dass Schwellen- und Entwicklungsländer am drastischsten darunter leiden werden.

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Die Zahl der Menschen mit akutem Hungerproblem ist seit Beginn der Covidpandemie von 135 auf 325 Millionen Menschen gestiegen. Während die Ölpreise jüngst nachgegeben hätten, seien die für Lebensmittel weiter gestiegen, beobachtet die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Kristalina Georgieva. „Wir können den Verbrauch von Öl verringern, aber nicht von Lebensmitteln.“ Sie ist besorgt, dass der Preisanstieg soziale und politische Unruhen in Schwellen- und Entwicklungsländern auslösen könnte.

Dies geschah zuletzt 2007 und 2008. Jetzt seien die Bedingungen weitaus schlechter, sagt Beasley und warnt vor einer Massenmigration.

Beim Weltwirtschaftsforum ist viel vom Kampf gegen Lebensmittelverschwendung die Rede. Auch geht es um neue Agrartechnologien und die Forderung, nach den Exportverboten von Weizen in Indien und Palmöl in Indonesien nicht noch mehr zusätzliche Barrieren aufzubauen.

Bauern in Afrika leiden bereits

Teil der internationalen Lösungsstrategie gegen eine Hungersnot sind Investitionen in Afrika. „Wir schauen gerade alle auf den schrecklichen Krieg in der Ukraine, aber wir haben ähnliche Herausforderungen auf unserem Kontinent“, sagt der Vizepräsident Tansanias, Philip Isdor Mpango, mit Blick auf kriegerische Konflikte auf dem Kontinent. Wenn die Waffen schwiegen, könnten Investitionen in Afrikas Agrarsektor allen zugutekommen.

Der Vizepräsident berichtet von zunehmendem internationalen Interesse und Investitionen. Diese seien nötig. So lägen durch fehlende Lagerhallen die Nach-Ernte-Verluste auf dem Kontinent bei rund einem Drittel. Wenn Afrika Lebensmittel netto exportieren könnte statt einzuführen, könnte die ganze Welt davon profitieren, argumentiert auch von der Leyen. Doch das sind Langfristpläne, die in diesem Jahr kaum helfen.

„Wir steuern auf eine Krise zu, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht gesehen haben“, sagt Saskia Bruysten, CEO von Yunus Social Enterprise. In Uganda, einem der vielen Länder, in denen sich die Krise gerade massiv zuspitzt, könnten sich zahlreiche Bauern die Düngemittel seit Monaten nicht mehr leisten. Dadurch sinke ihr Ertrag um 70 Prozent.

Doch nicht einmal für die verbleibende Ernte erzielen die Bauern einen akzeptablen Preis. Weil die Spritpreise so stark gestiegen sind, ist der Transport der Ernte in die nächste Stadt zu teuer. Die Landwirte müssen Mais und Bohnen zu Dumpingpreisen vor ihrer eigenen Haustür verkaufen. Viele der Kleinbauern konnten aber schon vor Beginn dieser Krise kaum überleben.

Die Lage wird durch den Klimawandel verschärft. In Ländern wie Kenia sorgen die steigenden Temperaturen für „schockierendes Leid“, berichtet die kenianische Klimaaktivistin Elizabeth Wathuti. „Kamele, Kühe und andere Nutztiere verdursten massenhaft.“ Die Folge sei pure Verzweiflung bei den Menschen.

Mehr: 40 Millionen Tonnen Getreide lagern in der Ukraine – Wie der Weizen aus dem Land kommen soll



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