Business

Dienstleistungen als Reserve des Wachstums


Globale Trends

Handelsblatt-Autor Thomas Hanke analysiert in der Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt.


(Foto: Klawe Rzeczy )

Wege aus der drohenden Wirtschaftskrise suchen vom kommenden Sonntag an die Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten im bayerischen Elmau. Sie werden sich auf die Sicherung der Lieferketten und der Energieversorgung, die Dämpfung der Inflation und die Auswirkungen der Sanktionen gegen das aggressive Russland konzentrieren. Das sind sicher die wichtigsten Themen in einer Situation, in der das Wachstum einzubrechen und die Preise zu galoppieren drohen.

Ein Aspekt der aktuellen Wirtschaftslage kommt allerdings häufig zu kurz. Seit die meisten entwickelten Länder die Covidrestriktionen aufgehoben haben, ändert sich das Verbraucherverhalten. Geldausgeben war nur über Konsumgüter möglich, oft über den Onlinehandel. Dienstleistungen wie Gastronomie und Reisen standen nur eingeschränkt oder gar nicht zur Verfügung. Die Konsumgüternachfrage boomte.

Nun dreht sich der Trend. „Wir stehen erst am Anfang der Umstellung der Verbraucherausgaben von Waren auf Dienstleistungen, im Laufe der Zeit wird sich dies noch verstärken“, zitiert die „Washington Post“ Kathy Bostjancic, leitende US-Ökonomin bei Oxford Economics. In den USA stiegen die Lebensmitteldienstleistungen stark, der Reiseverkehr ziehe an, die Hotelauslastung ebenfalls.

In der Euro-Zone zeigt sich derselbe Trendumschwung, sagt Guido Baldi, Konjunkturexperte des DIW: „Auch für Deutschland und den Euro-Raum beobachten wir wieder eine allmähliche Verlagerung des Konsums von Waren hin zu Dienstleistungen. Das ist einer der Gründe, warum das DIW-Konjunkturbarometer für den Teilindikator Dienstleistungen deutlich weniger negativ ausfällt als für die Industrie.“

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Diese Verlagerung der Nachfrage ist derzeit eine der wenigen guten Nachrichten. Denn sie entlastet die Lieferketten, und sie verringert bei den Konsumgütern den Preisdruck, dämpft also tendenziell die Inflation.

Das gilt allerdings nur, wenn das Angebot an Dienstleistungen mit der Nachfrage der Verbraucher Schritt hält, die an ihre alten Gewohnheiten anknüpfen wollen. Und da gibt es leider einige Fragezeichen.

Es fehlt an Personal bei den verbrauchernahen Dienstleistungen wie Reise, Gastronomie und Hotellerie. Die Jobs sind hart, schlecht bezahlt und prekär. Während der Lockdowns und sonstiger Restriktionen haben sich viele Beschäftigte des Hospitality-Sektors eine andere Arbeit gesucht und kommen nicht mehr zurück.

Frankreich geht mit gutem Beispiel voran

Nicht nur in den USA und in Deutschland, auch in klassischen Urlaubsländern wie Spanien und Italien liegt die Beschäftigung in der Hospitality-Branche noch immer weit unter dem Niveau von 2019 – und das, obwohl in diesem Jahr theoretisch ein Nachfragerekord möglich wäre: Nach zwei Covidjahren dürsten die Menschen nach einem normalen Urlaub.

Doch was wir aus Deutschland kennen – Restaurants, die wegen Personalmangel ganz oder teilweise schließen, Flüge, die mangels Mitarbeitern bei der Abfertigung und der Sicherheitskontrolle ausfallen, tritt auch in wichtigen Zielländern der Touristen auf. Mit einer Ausnahme: Frankreich. Dort liegt die Beschäftigung sogar über dem Wert von 2019.

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Eine Nachfrage bei Denis Ferrand, Direktor des französischen Wirtschaftsforschungsinstituts Rexecode, zeigt die Gründe: „Frankreich hat etwas dafür getan, die Jobs bei diesen Dienstleistungen attraktiver zu machen.“ Es sei sehr viel mehr ausgebildet worden, die Löhne seien gestiegen, und befristete Beschäftigung sei durch unbefristete Verträge ersetzt worden.

Die Folge: Die Arbeitnehmer kommen zurück. Zumindest in Frankreich werden die konsumnahen Dienstleistungen ihre Funktion als Wachstumsreserve wohl wahrnehmen können.

Andere Länder haben es in der Hand, die Arbeit in Gastronomie und Tourismus ebenfalls attraktiver zu machen und damit das Wachstum zu stützen. Das geht hier wesentlich leichter als bei der Sicherung der Lieferketten und der Energieversorgung.

Mehr: „Der Preisdruck hält an“ – Inflation belastet Wachstumsaussichten der deutschen Wirtschaft



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