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Ein Investmentbanker berichtet, warum er nur noch 20h-Wochen hat


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Ein junger New Yorker Analyst im Investmentbanking erzählt, warum sein Arbeiten plötzlich entspannter und von anderen Orten möglich ist.

Der Grund: Die Zahl der Unternehmensfusionen und Börsengänge im Technologie- und Medienbereich ging zurück und damit auch die Arbeit vieler Analysten.

Der junge Investmentbanker hat sich deshalb die Regelungen des hybriden Arbeitens seiner Bank zunutze gemacht: Monatlich muss er eine bestimmte Stundenanzahl im Büro verbringen, den Rest kann er dann die Stadt zum Arbeiten verlassen.

Diese Ich-Erzählung basiert auf einem Interview, das Ende Mai mit einem New-Yorker Investmentbanker geführt wurde, es ist sein erstes Jahr im neuen Job. Insider hat die Identität und den Arbeitsplatz dieser Person überprüft, zum Schutz des Investmentbankers und seines Arbeitsverhältnisses werden diese Details aber ausgespart. Das Interview wurde aus Gründen der Länge und Klarheit redaktionell bearbeitet.

Als ich im Mai meine Eltern das erste Mal wieder nach monatelanger Arbeit zuhause besuchte, waren sie geschockt. Ich sähe „tot“ aus, meinten sie. Um meine Augen hatten sich große schwarze Augenringe gelegt, die Farbe war aus meinem Gesicht gewichen. Seit meinem College-Abschluss 2021 und dem Auszug von zuhause hatte der neue Job an der Wallstreet deutliche, körperliche Spuren hinterlassen. Und das mit gerade mal Mitte 20.

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Dabei bin ich noch gar nicht so lange im Investmentbanking dabei: Seit August 2021 arbeite ich als Investmentbanking-Analyst im Technologie-, Medien- und Telekommunikationsteam (TMT). Die Aufgaben dort gehören zu den anstrengendsten für junge Bänker wie mich. Aber es gibt auch Vorteile, für die sich die mühsamen ersten zwei Jahre lohnen – wie zum Beispiel an Geschäften für große Tech-Kunden mitzuarbeiten.

Unsere durchschnittliche Wochenarbeitszeit liegt zwischen 80 und 100 Stunden. Aber in letzter Zeit hat sich das geändert. Jetzt arbeite ich maximal 20 Stunden pro Woche, weil sich die Zahl der Fusionen und Börsengänge im Technologiebereich verlangsamt hat. Die Bank, für die ich arbeite, hat das hart getroffen. Zugegeben, wir machen uns Sorgen, dass der Geschäftsrückgang zu Entlassungen oder Einstellungsstopps führen könnte. Aber im Moment genießen wir trotzdem alle, dass wir viel mehr Freizeit haben. Einige von uns verlassen sogar New York City, um den Sommer woanders zu genießen. Auch ich habe mich dazu entschlossen.

„Anfang des Monats habe ich beschlossen New York City zu verlassen“

Viele von uns haben schon im März gemerkt, dass die Geschäfte in unserem Bereich nachlassen. Deshalb hat sich in meinem Team dann nach und nach unerträgliche Langeweile breit gemacht. Manchmal bin ich nachmittags einfach nur in unserem Bürogebäude herumgelaufen, um mir die Zeit vom Nichtstun zu vertreiben. Früher konnte ich es kaum erwarten das Büro zu verlassen, weil ich so erschöpft war. Inzwischen kann ich es kaum erwarten, weil mich die Langeweile um den Verstand bringt.

Ab diesem Punkt wurde mir klar, dass es egal ist, ob ich ins Büro komme oder nicht. Wichtig war nur, dass ich die Anforderungen der Bank erfüllte. Also habe ich Anfang des letzten Monats beschlossen, die Stadt zu verlassen. Ich buchte zwei Tickets für meine Freundin und mich, um meine Familie an einem warmen Ort mit Pool im Garten zu besuchen.

„Warum sollte ich Zeit damit verschwenden, auf einen leeren Computerbildschirm zu starren“

Seit ich hier bin, habe ich buchstäblich mehr Zeit mit Chillen verbracht als mit der eigentlichen Arbeit. Natürlich sorge ich dafür, dass mein Telefon und mein Computer rund um die Uhr in der Nähe sind, und ich reagiere schnell auf E-Mails von meinen Chefs. Außerdem plane ich ab Mitte Juni wieder zurück nach New York zu kommen und wieder jeden Tag ins Büro zu gehen, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Aber wozu die Eile? Warum sollte ich Zeit damit verschwenden, auf einen leeren Computerbildschirm zu starren, wenn ich mit meinem Vater Tennis spielen oder die Kochkünste meiner Mutter genießen könnte?

An den meisten Nachmittagen, die ich hier verbracht habe, saß ich am Pool. Die meiste Zeit meiner Freizeit verbringe ich mit Seriengucken oder Videospielen wie Madden NFL 21 Football und FIFA 22 Soccer auf der Xbox. Es ist ja nicht so, dass meine Anwesenheit hier irgendjemandem schadet oder einen der verbleibenden Kunden schwer getroffen hätte.

Denkt mal darüber nach, wie verrückt das alles klingt: Ein Investment-Banking-Analyst von der Wall Street, der an einem Wochentag am Pool sitzt oder Xbox spielt. Wie mache ich das nur? Nun, das ist mein Geheimnis. Meine Chefs haben keine Ahnung, wo ich im Moment bin.

„Der Grund, warum das alles so gut funktioniert: die hybriden Arbeitsmöglichkeiten meiner Bank“

Der Grund, warum das alles so gut funktioniert: die hybriden Arbeitsmöglichkeiten meiner Bank, die unsere Anwesenheit im Büro auf monatlicher Basis erfasst. Als ich vor ein paar Wochen meine Reise gebucht habe, habe ich es niemandem gesagt. Ich habe lediglich dafür gesorgt, dass ich im Mai zwei Wochen lang jeden Tag im Büro war – schließlich muss ich mich ja ausweisen können – und habe dann für den Rest des Monats aufgehört, sobald ich die Stadt verlassen hatte. Die Zahlen sollten sich letztendlich von selbst ausgleichen.

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Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Chefs denken, ich sei nur zu Hause. Vorausgesetzt, sie nehmen meine Anwesenheit im Büro – oder deren Fehlen – überhaupt wahr. Aber wer kann schon sagen, dass sie selbst im Büro sind, um etwas zu bemerken? Wenn ich E-Mails von leitenden Mitarbeitern meines Teams, wie unserem Geschäftsführer oder Vizepräsidenten, erhalte, antworte ich trotzdem. Ich habe offiziell keinen Urlaub genommen, also möchte ich nicht als abwesend erscheinen. Ich erledige meine Arbeit einfach am Pool, während ich mich mit Sonnencreme einschmiere. Ich bin derselbe, der sich an jedem normalen Tag im Büro zum Dienst melden würde. Aber statt in Anzug und Sakko chille ich in Jogginghosen oder im Badeanzug auf einem der Liegestühle meiner Eltern im Hinterhof.

Wir machen uns allerdings Sorgen über Entlassungen und Einstellungsstopps

So toll sich das alles auch anhört, ich gebe gerne zu, dass es Vor- und Nachteile gibt.
Einerseits habe ich in den letzten Wochen mehr geschlafen als in den vorangegangenen neun Monaten. Meine Freundin sagt mir, dass ich „verjüngt“ aussehe, als würde ich langsam wieder zum Leben erwachen. Der scharfe, anhaltende Schmerz, der mich seit Monaten auf beiden Seiten der Brust quält, lässt nach. Er war ist mit dem Job aufgekommen.

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Abgesehen davon wird der Analysten-Bonuspool unserer Bank in diesem Jahr sehr wahrscheinlich austrocknen. Weniger Geschäftsabschlüsse bedeuten wahrscheinlich eine deutlich geringere Vergütung, wenn wir später im Sommer unsere Boni ausbezahlt bekommen. Außerdem besteht die Möglichkeit von Entlassungen und Einstellungsstopps. Einige Teams in meiner Firma haben ihren Analysten still und leise mitgeteilt, dass sie derzeit keine neuen Mitarbeiter einstellen wollen. Andere haben gesagt, dass sie alle neuen Einstellungspläne auf Eis legen, bis sie die Gelegenheit hatten, die Entwicklung der Dinge abzuwarten.

Ich hoffe natürlich, dass ich nicht entlassen werde. Analysten sind bei den großen Banken relativ billig, und ich denke, das wird mich wahrscheinlich verschonen. Wenn die Banken wirklich Geld sparen wollen, sollten sie zuerst die überbezahlten Geschäftsführer – von denen viele wenig leisten – entlassen, bevor sie sich mit uns beschäftigen. Bis zum nächsten Sommer werde ich diesen Arbeitsplatz sowieso verlassen und bei der Private-Equity-Firma anfangen können, die mir Anfang des Jahres ein Angebot als Mitarbeiter gemacht hat.

Ihr werdet also nicht hören, dass meine Kollegen aus der Junior Bank und ich uns dafür entschuldigen, dass wir uns extra ausruhen oder die rare Zeit mit Freunden und Familie genießen. Wir alle haben im vergangenen Jahr unsere Zeit mit hektischen Geschäften verbracht, haben um Mitternacht E-Mails erhalten oder um zwei Uhr morgens Anrufe von Geschäftsführern oder Mitarbeitern erhalten, die uns aufforderten, uns um irgendeinen unbedeutenden Auftrag zu kümmern, der unverzüglich erledigt werden muss. Jetzt ist aber nicht der richtige Zeitpunkt für sowas. Und wenn meine Freundin mir sagt, dass ich besser aussehe, meine Eltern mir Abendessen kochen und ich mitten im Arbeitstag Madden Football auf meiner Xbox zocke – nun, ich denke, das kann man getrost als Erfolg verbuchen.

Dieser Text wurde von Lisa Ramos-Doce aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.

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