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Engpässe bei Kabelbäumen – Produktionsstopp in der Autoindustrie



Düsseldorf, München Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine wird für die Autobauer in Europa ein immer größeres Problem. Nach Volkswagen müssen auch Porsche und BMW Teile ihrer Produktion unterbrechen. Bei Audi stehen ab Montag im Werk in Ingolstadt die Produktionsbänder für die Modelle A4 und A5 bis zum 11. März still. In Neckarsulm wird die Produktion des A6 und des A7 von Montag bis zum 18. März ruhen.

Betroffen sind auch die Produktion des Elektromodells E-Tron GT und des Sportwagens R8 ab Montag in den Böllinger Höfen. „In Anbetracht der aktuellen Lage rechnet Audi Ende dieser Woche mit weiteren Änderungen“, teilt die VW-Tochter mit. Am Mittwochabend erklärte dann BMW, dass in den Werken am Stammsitz München, in Dingolfing und Steyr sowie in den Mini-Werken in Oxford und in den Niederlanden die Produktion für eine Woche ausgesetzt werde. Wie es danach weitergeht, sei offen.

In Leipzig entfalle eine der zwei Schichten, erklärte ein Sprecher des Autokonzerns. In Regensburg werde wegen fehlender Halbleiter ebenfalls nur im Ein-Schicht-Betrieb produziert. Im Stammwerk München sind etwa 7000 Mitarbeiter betroffen. Ob sie Kurzarbeit fahren oder die Zwangspause über Zeitkonten verrechnet wird, werde noch geklärt, sagte der Konzernsprecher.

Im größten europäischen BMW-Werk Dingolfing sind etwa 10.000 Mitarbeiter vom Produktionsstopp betroffen. Für die 3200 Mitarbeiter im österreichischen BMW-Werk Steyr wurde bereits Kurzarbeit vereinbart. Am Mittwochabend verkündete zudem Mercedes die von Branchenbeobachtern erwarten Ausfälle: Ab der kommenden Woche wird das Unternehmen die Fertigung im Werk Sindelfingen drosseln, heißt es in Konzernkreisen. In dem Werk laufen die luxuriösen Limousinen E-Klasse, S-Klasse und EQS vom Band.

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Mercedes selbst spricht davon, dass die Schichtplanungen in einzelnen Werken angepasst werden müssten. „Wir bewerten die Situation tagesaktuell neu“, erklärte das Unternehmen. Gemeinsam mit seinen Lieferanten arbeite Mercedes „intensiv an Lösungen“ zur Absicherung der Lieferketten. Dazu würde auch die „Verlagerung von Produktionsumfängen an andere Standorte unserer Zulieferer“ gehören. Andere europäische Autobauer dürfte es ebenfalls treffen.

Besonders problematisch ist die Versorgung mit Kabelbäumen. Eine Vielzahl von Zulieferern fertigt diese in der Ukraine für den europäischen Markt. Dazu zählen unter anderem Leoni, Kromberg & Schubert und SEBN. Der deutsche Zulieferer Kostal fertigt in einem Werk in Kiew und zwei Werken in der näheren Umgebung der unter schwerem Beschuss stehenden ukrainischen Hauptstadt Bordnetzwandler. Der irische Zulieferer Aptiv, der unter anderem Bordnetze fertigt, hat drei Produktionsstätten in der Ukraine.

Bosch hat am Mittwoch bekannt gegeben, Standorte in der Ukraine zu schließen. Das Stiftungsunternehmen habe alle 360 Mitarbeiter aufgerufen, sich in Sicherheit zu begeben. Bosch macht in der Ukraine einen Umsatz von jährlich etwa 170 Millionen Euro. In Krakovets im Westen des Landes setzt Bosch Starter für den Ersatzteilmarkt instand. Die Produktion ruhe seit Donnerstag letzter Woche, heißt es vonseiten des Unternehmens.

Nach Angaben von Ukraineinvest, einer staatlichen Einrichtung zur Förderung von Investitionen in der Ukraine, gibt es in dem Land 22 ausländische Unternehmen, die in 38 Fabriken Teile für die Autoindustrie herstellen.

Kabelbäume verlangen viel Handarbeit

Die Werke des deutschen Kabelspezialisten Leoni befinden sich zwar im Südwesten des Landes. Zu Kriegsbeginn hat Russland jedoch auch dort Ziele mit Raketen beschossen. Aus Konzernkreisen heißt es, dass zwei Raketen in der Region eingeschlagen seien, in der Leoni seine Werke betreibt.

Kabelbäume

Zahlreiche Zulieferer fertigen Kabelbäume in der Ukraine.


(Foto: Leoni_Gruppe)

Bei Leoni werde mit Hochdruck daran gearbeitet, die Produktion aufrechtzuerhalten. „Eine mehrfach verstärkte Taskforce kümmert sich nahezu rund um die Uhr darum, die dynamische Entwicklung vor Ort zu analysieren“, teilt das Unternehmen mit. Es liege auf der Hand, dass die Produktionsausfälle in der Ukraine Folgen für die Verfügbarkeit hätten, „insbesondere in der europäischen Autoindustrie“.

Die Ukraine ist zwar nicht das unumstrittene Zentrum der Kabelbaumindustrie, zählt neben Rumänien, Marokko, Tunesien und Serbien aber zu einem der wichtigsten Märkte der Branche. Der Grund sind die niedrigen Lohnkosten. Und die sind entscheidend: Denn der Anteil manueller Tätigkeiten bei der Produktion von Kabelbäumen liegt bei mehr als 30 Prozent.

>> Lesen Sie dazu: VW und Skoda fehlen Teile aus der Ukraine – Porsche plant Produktionsstopp

Der Grund, warum Autobauer wie VW oder BMW bereits wenige Tage nach dem Ausfall einzelner ukrainischer Zulieferer die Produktion in ihren deutschen Werken drosseln müssen, ist simpel: Kabelbäume gelten als nicht lagerfähig. Die Komponenten sind von Auto zu Auto unterschiedlich. Wird die einzelspezifische Kabelbaumfertigung wie nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine gestoppt, spüren dies die großen Fahrzeughersteller sofort in ihren eigenen Werken.

Problematisch ist auch die logistische Situation. Denn Lkw-Fahrer, die Waren aus der Ukraine exportieren, sind meist männlich und in der Altersgruppe, die derzeit nicht das Land verlassen darf.

„Das wird richtig Geld kosten“

Nun tagen die Krisenstäbe. Es werden Verlagerungspläne geprüft, um die Ausfälle in der Ukraine zu kompensieren, heißt es in Branchenkreisen. Die Volumina in bestehenden Werken außerhalb der Ukraine dürften schnell aufgestockt werden. Doch auch das dauert zwei bis drei Monate.

Die Industrie werde nicht umhinkommen, viele ungelernte Kräfte einzustellen. Die Ausschussquoten dürften sich dadurch erhöhen. „Das wird richtig Geld kosten“, sagt ein Insider.

Allerdings ist nicht nur die Produktion in der Ukraine eine Herausforderung für die Autoindustrie, merkt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM), an. „Es stellen sich grundsätzliche Fragen: Ist es angesichts des Ukrainekriegs noch statthaft, in Russland zu produzieren?“, fragt der Autoexperte. „Man muss sich darauf einstellen, dass immer mehr Teile fehlen. Die Fahrzeugproduktion in Europa wird sich insgesamt verteuern“, sagt Bratzel.

Mehr: Erste deutsche Unternehmen ziehen sich aus Russland-Geschäft zurück



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