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Historiker deuten den Verlauf der Menschheitsgeschichte neu


Ukrainekrieg, Coronapandemie, Klimakrise, Flüchtlingsströme, Hungersnot – irgendetwas muss in der Geschichte der Menschheit falsch gelaufen sein, trotz allen Fortschritts. Aber was? Und warum? Weshalb sind so viele Pläne gescheitert, traditionelle Gesellschaften auf einen Modernisierungspfad zu führen? Wieso enden selbst wohlmeinende Versuche, in dekolonisierten afrikanischen Staaten eine bessere Zukunft zu schaffen, oft damit, dass alles noch schlimmer wird?

Diesen existenziellen Fragen widmen sich zwei neue Bücher: Oded Galors „The Journey of Humanity. Die Reise der Menschheit durch die Jahrtausende“ sowie David Graebers und David Wengrows „Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit“. Beide Titel klingen ambitioniert.

Galors Verlag verkauft das Buch des israelischen Ökonomen als „die erste welt- und zeitenumspannende Wirtschaftsgeschichte“. Bei dem Bestseller „Anfänge“ wiederum handelt es sich um das Vermächtnis des weltweit bekannten US-Anthropologen Graeber. Der intellektuelle Kopf der Bewegung „Occupy Wall Avenue“ starb kurz nach Vollendung des Buchs im Alter von nur 59 Jahren.

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Galor, Graeber und sein Mitautor, der britische Archäologe Wengrow, haben den Anspruch, die Entwicklung der Menschheit seit dem Auftritt des Homo sapiens in Afrika vor rund 300.000 Jahren bis in unsere Tage nachzuzeichnen, um Strategien für eine bessere Zukunft zu entwickeln. Das ist aber auch das Einzige, was die beiden Bücher verbindet. Ansonsten lesen sie sich wie These und Antithese, die Ratschläge könnten gegensätzlicher nicht sein.

Wer hat die stärkeren Argumente?

Galors Parforceritt durch die Weltgeschichte läuft auf das „eherne“ Gesetz hinaus, der historische Prozess folge einem Fortschrittsmuster und sei, wie der globale Anstieg der Lebenserwartung seit 1953 von 47 auf 71 Jahre zeige, von einer Entwicklung zum Besseren geprägt.

Trotz aller Gegenbeweise lässt sich Galor nicht vom festen Glauben an eine globale Modernisierung im westlich-liberalen Sinne abbringen: Im Grunde, so schreibt er, „können alle Maßnahmen, die Pluralismus, Toleranz und Respekt vor Unterschiedlichkeit erfolgreich fördern, das Niveau der Vielfalt, das für die nationale Produktivität günstig ist, weiter anheben.“

Alexandre Kojève, Francis Fukuyama – und das Ende der Geschichte

Seine Geschichtsinterpretation erinnert an den russisch-französischen Philosophen Alexandre Kojève. Der hatte in den 1950er-Jahren erklärt, mit der Industriegesellschaft westlichen Typs sei die letzte Stufe der Geschichte erreicht. Der US-Politologe Francis Fukuyama popularisierte diese Sicht dann nach dem Mauerfall 1989 massenwirksam mit der These vom Sieg des Kapitalismus und dem „Ende der Geschichte“.

Doch Pluralismus und Toleranz sind weltweit auf dem Rückzug, wie der aktuelle Demokratie-Index des „Economist“ zeigt. In Ungarn und Serbien beispielsweise konnten sich gerade die nationalistischen und antipluralistischen Kräfte in Wahlen klar behaupten.

China und Russland schmieden ein strategisches Bündnis gegen den Westen und seinen demokratischen Kapitalismus. Auch Moskaus Krieg gegen die Ukraine dementiert Galors Fortschrittsoptimismus. Schon wenige Tage nach dem Erscheinen wirkt sein Buch ein wenig wie aus der Zeit gefallen.

Oded Galor: The Journey of Humanity. Die Reise der Menschheit durch die Jahrtausende.
Übersetzung: Bernhard Jendricke, Thomas Wollermann
dtv
München 2022
382 Seiten
26 Euro

Das Gegenteil gilt für Graebers und Wengrows Opus magnum: Sie tappen nicht in die Falle „westlicher Überlegenheit“ und eines vermeintlichen Telos, auf den die Geschichte hinauslaufe. Stattdessen die Warnung: Wer trotz Versklavung und Vergewaltigung, Massenmord und Vernichtung ganzer Kulturen durch europäische Mächte seit dem Ende des 15. Jahrhunderts meine, alles Gute komme aus Europa, läuft Gefahr, „Völkermordapologie“ zu betreiben.

Das Drawback heutiger Geschichtsphilosophie bestehe darin, dass sie sich keinen historischen Prozess vorstellen kann, der nicht auf ein Ziel oder einen Zweck bezogen ist. Der derzeitige Zustand der Welt, so die Prämisse von Graeber und Wengrow, sei aber alles andere als das „unvermeidliche Ergebnis der vergangenen 10.000 Jahre Geschichte“. Das Buch ist eine Philippika gegen „Sachzwänge“ und die „Alternativlosigkeit“ von Politik, die uns in die Sackgasse geführt haben.

Während Galor das konventionell-deterministische Bild zeichnet, Ackerbau, Privateigentum und Städtegründungen hätten zwangsläufig zu Hierarchien, Gewalt und Ungleichheit geführt, betrachten Graeber und Wengrow Geschichte durch ein ganz anderes Kameraobjektiv – und erweitern unseren Möglichkeitssinn.

Gestützt auf neue anthropologische Forschungen und archäologische Funde, etwa 10.000 Jahre alte Pfeifen und Tanzfiguren, zeigen sie: Schon lange vor der im späten 17. Jahrhundert einsetzenden Epoche der Aufklärung haben Menschen außerhalb Europas vielfältige Formen sozialer Organisation erprobt und nach Freiheit, Wissen und Glück gestrebt.

Rio Reiser – und das reiche geschichtliche Erbe

Bezeichnend ist, dass unsere Vorfahren überall auf der Welt oft gleichzeitig mehrere Formen des Wirtschaftens – Viehzucht, Jagd, Ackerbau, Handel – anwandten und deren Vor- und Nachteile nicht zuletzt mit Blick auf die Beeinträchtigung ihrer Freizeit gewichteten.

Manchmal wurde diese oder jene Type jahrhundertelang fallen gelassen und dann wieder aufgegriffen. Über lange Strecken der Geschichte gab es eine bunte Mischung von hierarchischen und egalitären Gesellschaften.

So gelang es den 150.000 Einwohnern der mit dem antiken Rom vergleichbaren Metropole Teotihuacán – inzwischen eine der wichtigsten Ruinenstädte Mexikos und beliebtes Touristenziel – 700 Jahre lang, sich ohne Hierarchie und Herrscher selbst zu regieren.

Es gab dort sogar sozialen Wohnungsbau. Bis heute bleibt die archäologische Suche nach Figuren, die man als König oder Königin interpretieren könnte, erfolglos. Die Künstler schoben solchen Deutungen bewusst einen Riegel vor und gaben allen Figuren einer Szene genau die gleiche Größe. Sie wollten ihre egalitäre Gesellschaft von hierarchisch organisierten Nachbarvölkern abgrenzen.

David Graeber, David Wengrow: Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit.
Übersetzung: Henning Dedekind, Helmut Dierlamm, Andreas Thomsen
Klett-Cotta
Stuttgart 2022
667 Seiten
28 Euro

Viele Städte ohne Hierarchie und Herrscher sind auch in der prähistorischen Ukraine und aus dem Pakistan der Bronzezeit überliefert. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Rio Reisers Band „Ton Steine Scherben“ jedenfalls konnte bei ihrem Erfolgssong „Keine Macht für Niemand!“ auf ein reiches geschichtliches Erbe zurückgreifen.

Graeber und Wengrow stellen mit neuen Ausgrabungsfunden alte Gewissheiten infrage. Ihr Werk erweitert den intellektuellen Horizont, die Detailfülle ist beeindruckend. Galor dagegen enttäuscht nach der hoch gegriffenen Ankündigung. Kühn weckt er die Erwartung, erstmals die ewig gültigen „Unterströmungen“ und „primären Antriebskräfte hinter dem gesamten Entwicklungsprozess“ der Menschheit freizulegen.

Die „tiefsten Wurzeln“ des heutigen Wohlstands, so Galor, führten uns dorthin zurück, „wo vor Zehntausenden von Jahren alles seinen Anfang nahm: zu den ersten Schritten, mit denen sich die menschliche Spezies aus Afrika hinauswagte“.

Der Grad der Diversität einer jeden Gesellschaft, der sich aus dem Verlauf dieses Exodus ergab, „sollte sich über die gesamte Menschheitsgeschichte hinweg auf den wirtschaftlichen Wohlstand auswirken“. Am meisten hätten jene profitiert, denen es vergönnt battle, in einer Gesellschaft zu leben, „deren Diversität groß genug battle, um eine wachstumsfördernde gegenseitige Befruchtung zu ermöglichen“.

Reißen wir die Mauern ein, die uns trennen. Kommt zusammen, Leute, lernt euch kennen. Du bist nicht besser als der neben dir. Keiner hat das Recht, Menschen zu regieren. aus „Keine Macht für Niemand“ der Band Ton Steine Scherben

Galors „bahnbrechende“ Erkenntnis ist in vielen Begin-ups und modernen Konzernen längst gelebte Unternehmenskultur. Dass heterogene Groups oft kreativer als homogene Gruppen sind und eine höhere Problemlösungskompetenz besitzen, hat sich schließlich herumgesprochen. Wohlfeil wirkt auch sein Rat an die Politik, in Bildung zu investieren und bei allem Lob der Diversität nicht den gesellschaftlichen Zusammenhang zu gefährden.

Graebers und Wengrows zentrale Fragen kommen ein Stück mahnender, aber auch realistischer daher: Warum haben wir unsere Flexibilität und Freiheit weitgehend verloren, die früher für einen Teil unserer Vorfahren kennzeichnend waren? Weshalb stecken wir, anders als seinerzeit die Menschen in Teotihuacán, in permanenten Beziehungen von Dominanz und Abhängigkeit?

Abschließende Antworten können die Autoren nicht geben. Sie zeigen aber, dass der Verlauf der Menschheitsgeschichte viel weniger in Stein gemeißelt ist als gemeinhin angenommen.

Dank Graeber und Wengrow lassen sich die Anfänge unserer Zivilisation nun neu mit der Zukunft der Menschheit verknüpfen. Sie ermuntern die Menschen, durch mutigeres, selbstbestimmteres Handeln eine freiere Zukunft der Menschheit zu erkämpfen. Ob das gelingt? Die Antwort ist offen.

Mehr: Autor Yascha Mounk: Wenn Diktaturen ihre Macht demonstrieren, ist es wichtig, dass andere Staaten eine attraktive Gegenvision haben.



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