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Mutter-Tochter Geschichte aus dem Tschad: Wo Frauen einander helfen


Mahamat-Saleh Harouns Movie „Lingui“ beobachtet das kluge Savoir-vivre einer Mutter und ihrer Tochter im Tschad. Dort darf der Movie nicht laufen.

Maria (Rihane Khalil Alio) und Amina (Achouackh Abakar Souleymane) sitzen am offenen Fenster

Maria (Rihane Khalil Alio) und Amina (Achouackh Abakar Souleymane) in „Lingui“ ​ Foto: Déjà-vu Movie

Das schöne Wort „Lingui“ steht im Sprachgebrauch der Menschen im zentralafrikanischen Tschad für selbstverständliche Hilfsbereitschaft und Solidarität. So erklärt der Regisseur Mahamat-Saleh Haroun geduldig den Titel seines neuen Movies, seit er bei den Filmfestspielen in Cannes die europäische Premiere feierte.

Nichts Exotisches, kein magischer Kitzel für die Schaulust postkolonialer Afrika-Enthusiasten liegt in seinem Interesse. „Lingui“ erzählt vielmehr eine bodenständige Geschichte, ein realistisches Fallbeispiel für die stille Kraft gegenseitiger Hilfe unter Frauen, die Mahamat-Saleh Haroun im Land seiner Eltern schätzt.

Dem Movie eilt voraus, dass er die heikle Frage kriminalisierter Abtreibung in einem muslimisch geprägten afrikanischen Land thematisiere. Aber anstelle eines großen Dramas, das vorgeprägte Erwartungen anspricht, nimmt der Movie uns mit, die Welt der beiden Protagonistinnen Amina (Achouackh Abakar Souleymane) und Maria (Rihana Khalil Alio), Mutter und Tochter in einem der ärmeren Arrondissements der tschadischen Hauptstadt N’Djamena kennenzulernen. Mit ihnen tauchen wir ein in die Gleichzeitigkeit urbaner Moderne und archaischer patriarchaler Verhaltensregeln.

Im Alltag von Amina und Maria stoßen und überschneiden sich die Sphären, da kommt es auf Ini­tia­tive und Überlebenskunst an. ­„Lingui“ beobachtet ihr kluges Savoir-vivre genau, besonders in der Eingangssequenz, in der die vielleicht 35-jährige Amina ihrer Arbeit nachgeht.

LKW-Reifen zu Grillkörben

Ihr Atem ist zu hören, Schweiß läuft in Großaufnahme über ihr Gesicht, dann erst erkennt man, mit wie viel Geschick und Muskelkraft die Frau in Denims und T-Shirt einen Lkw-Reifen aufschneidet und entkernt und den recycelten Stahldraht sodann als Materials für ihr Produkt nutzt, eine Sorte kunstvoll getriebener und geflochtener Grillkörbe. Ich wollte, dass sich Filme hierzulande mit ähnlich souveräner Ruhe und Neugier der Handarbeit widmen würden. „Lingui“ gibt ein Bild dieser selbstbestimmt arbeitenden Frau, bevor der erste Dialogsatz zu hören ist.

Wenn Amina zum Straßenverkauf aufbricht, ist sie in die traditionelle bodenlange Kleidung der tschadischen Frauen gekleidet. Auf dem Kopf balanciert sie einen Turm aus übereinandergestellten Grillkörben, von Weitem ein Blickfang wie eine wandelnde Skulptur in der staubigen Hitze. Momente, in denen die Frauen traditionelle Kleidung tragen, wechseln mit Szenen in knapper moderner Kleidung.

Amina muss sich die Kontrolle durch den Imam gefallen lassen, bricht jedoch, wo sie kann, das Rauchverbot für Frauen

Es gibt afrikanischen Pop im Kopfhörer und eine Celebration von Marias Freundin am Swimmingpool, aber auch das einsame Gebet der Mutter außerhalb der für sie unzugänglichen Moschee. Amina muss sich die patronisierende Kontrolle durch den Imam gefallen lassen, bricht jedoch, wo sie kann, das Rauchverbot für Frauen.

Gemeinsame Strategie

Sie bekommt es mit dem pubertären Trotz ihrer 15-jährigen Tochter zu tun. Maria will nicht das Außenseiterleben der Mutter wiederholen. Vor Marias Geburt unverheiratet vom Vater des Kindes verlassen, lebt sie verstoßen von der eigenen Familie. Es kommt ans Licht, dass Maria schwanger ist und deshalb ihren Platz in der Schule verlor. Zunächst erschrocken über den von ihrem Glauben verbotenen Wunsch der Tochter, abzutreiben, entwickeln die beiden jedoch bald eine gemeinsame Strategie, um gegen die ablaufende Uhr Hilfe zu finden.

Wie in all seinen im Tschad gedrehten Spielfilmen spart der in Paris lebende Autor und Regisseur auch in „Lingui“ nicht an Szenen, die ein Schlaglicht auf die Scheinheiligkeit der urbanen Mittelschicht werfen. Da gibt es die Schuldirektorin, die betrübt feststellt, dass einige Mädchen schwanger wurden, sie aber kurzerhand aus dem Vorzeige-Lyzeum entlässt – ein indirekter Hinweis auf die mangelnde Aufklärung der Jugendlichen im Land.

Da gibt es den Arzt, der für eine Million tschadischer Francs, ein Vermögen für die Frauen, den Eingriff vornehmen würde, wenn er nicht eine Polizei-Razzia befürchten würde. Und da ist Aminas Schwager in Anzug und Krawatte, der die Beschneidung für seine kleine Tochter verlangt und die bestellten Jubel-Frauen mit Geldscheinen überhäuft, jedoch getäuscht wird: Amina sorgt für einen ungefährlichen Faux der Exzision.

Bevormundung und Übergriffigkeit

Der Nachbar schließlich, der der alleinstehenden Amina anzügliche Avancen macht, die sie souverän pariert, stellt sich als exemplarisches Beispiel für die Bevormundung, Übergriffigkeit und Gewalt heraus, gegen die sich die Frauen zu Wehr setzen müssen, sogar in einem Akt der Selbstjustiz.

„Lingui“ ist ein aufrührerisches Plädoyer. Die Hommage an die lebensklugen Frauen des Tschad kann im Land jedoch kaum gesehen werden, nicht nur wegen der restriktiven religiösen Regeln und der politisch brisanten State of affairs. In N’Djamena gibt es kein Kino mehr – oder vielmehr eins erst in Zukunft, das nicht zuletzt aufgrund von Mahamat-Saleh Harouns internationalem Ruhm wiederaufgebaut wird. So bleibt „Lingui“ vorerst ein realistischer Traum.



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