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Neues Soloalbum von Jochen Distelmeyer: Zeit zu schmachten


Jochen Distelmeyer veröffentlicht „Gefühlte Wahrheiten“. Seine Musik bleibt unentschieden zwischen luftigem Kunstpop und Singer-Songwriter-Ambitionen.

Immer noch ein Ereignis: Jochen Distelmeyer in goldener Jacke

Immer noch ein Ereignis: Jochen Distelmeyer in goldener Jacke Foto: Sven Sindt

Unschuldige Stille? Das Motiv der Erschaffung der Welt, auf den Außenflügeln des Altars von Hieronymus Bosch, einst im herzoglichen nassauischen Palast in Brüssel aufgestellt, ist heute im Prado in Madrid zu erleben. Der von der wissenschaftlichen Wende geprägte Blick interpretiert an Boschs gemaltem Erwachen der Erde den Käfig des unaufgeklärten Denkens.

In den frühen 1990ern prangerten die Bands der Hamburger Schule in ihren Texten falsches Denken an, hier wurde Jochen Distelmeyer mit der Band Blumfeld bekannt, bis seine Texte, weniger aufgebracht, begannen, das Leben zu beobachten: so mancher der akademischen Gefolgschaft vermisste dann „Relevanz“. Verspricht Distelmeyer neues Soloalbum „Gefühlte Wahrheiten“ ein Zurück zum Ursprung?

Pianoharmonien über dem nachdenklichen Beat sagen: „Sei nicht allzu besorgt“. 13 Jahre hat sich Jochen Distelmeyer für ein zweites Soloalbum, basierend auf eigenem Material, Zeit gelassen. „Nicht einfach so“ tönt das Echo der Klänge.

Glanz in den Augen

Doch wohin es sie zieht, das bekunden die perkussiven Akzente, ein Zitat aus Dennis Edwards Verführungsopus „Don’t look any further“, welche nun gleich den letzten, nach einem Regenschauer von einer Markise rinnenden Tropfen ihre Akzente setzen. „Schick mir den Glanz in deinen Augen“, sehnt Distelmeyer, „Lass uns gehen und komm mit mir“, kommentiert der Backgroundchor, derweil sich aus Gitarrenklängen die grauen Wolken eines neuen Unwetters auftürmen.

Plötzlich scheint der Wunsch nach Flucht als Kern alles Gesagten, fort zu etwas Besserem, also doch die ewige Sehnsucht von politisiertem Hamburger Indiepoprock? Nein, das Zurück ist anderer Qualität, rar in der deutschen Popmusik; Distelmeyer besingt Erfahrungen, für die bisher nur Timo Blunck Worte und Ausdruck fand. Die Zartheit des Pianos im zweiten Stück umspielt instrumentale Eleganz; da erwacht aus dem Schmachten die Verletzung.

„Zurück zu mir“ ein Trennungsstück trotziger Gesinnung, die innere Freiheit beschwörend, der Ausbruch aus der Himmelskuppel, die es umkreisenden Songs gleich mitverortend, in ein Szenario aus Ende und Neuanfang. Nochmals meldet sich der Chor, Distelmeyer widerspricht ihm selbstbewusst: Es ist Zeit zu schmachten.

Dylaneskes Hadern

Nur eines schmachtet in diesen charaktervollen Songs nicht, sorgt beständig für wache Distanz: Distelmeyers Stimme. Unwillkürlich denkt man beim bald 55-jährigen Künstler an den mit seiner stimmlichen Präg­nanz hadernden Bob Dylan. Doch der hatte in Distelmeyers Alter seine Stimme derart ramponiert, dass ihm sein Deklamieren gar nicht mehr glücken konnte.

Mit „Time out of Mind“ vermochte Dylan 1997 gerade, die gealterte Postpunk-Generation hinter sich zu scharen, und erläuterte seinen treuen Fans, den damals modischen Begriff „Americana“, um ihnen das neue „Echte“ zu präsentieren. Im Hang zu langen Songs, überlangen mit erzählendem Charakter gar, sowie in der poetischen Verknüpfung von Persönlichem und Allgemeinem ähneln sich beide künstlerischen Comebacks sogar.

Anders als Dylans erdige Songs ziehen Distelmeyers Lieder leichter und luftiger ihre Bahnen. Eine orientierungslose Affäre in „Hey Dear“: „War dir so kalt, dass dir mein Feuer gefiel“, fragt der Song. Durch das am nea­politanischem Pop der Achtziger geschulte Stück „Im Fieber“ wuchert die Erinnerung an bohrende Fragen, gleich der Brautmyrten im Park Virgiliano, „Was war mit uns“ will es wissen, während es sich in Fantasien der Liebe Rückkehr ergeht.

Sehnsuchtsvolles Jauchzen

Sogar Distelmeyers Stimme reißt es nun mit, so weit sie kommt. In „Tanz mit mir“ pulsiert der Beat warm und dezent, Midnight Love verheißend, derweil rhythmische Akzentuierungen, ja sogar ein sehnsuchtsvolles Jauchzen eine Innigkeit erwirken, jenseits dessen, was nasales Pressen stimmlich eigentlich gestalten kann.

Nach der Hälfte prägt nicht das Keyboard, sondern die akustische Gitarre den Sound. In „Nur der Mond“ singt Distelmeyer schwierige Passagen, bewusst an ihnen scheiternd, der Reiz in der Differenz? Oder jener Starrsinn, der ihn nun, im uns verborgenen Triptychon von Boschs Altar, auf der Suche nach dem Paradies durch den Garten der Lüste und die Hölle irren lässt?

Seine Suche führt ihn in ein anderes US-Idiom, drei auf englisch gesungene, vom Country der Outsider geprägte Kompositionen. „Gone Girl“ ist leider nicht die erhoffte Version des Jack-Clement-Originals, doch wie der melodische Irrgarten der Strophe zum ergreifenden Refrain geleitet, geradezu gleichwertig.

Geständnis und Eingeständnis

„Gefühlte Wahrheiten“ zeichnet aus, dass jeder Song seine eigene Dringlichkeit besitzt, jeweils eigenen Charakter entwickelt und sich dem eigenen Leben anbietet. „Manchmal“ erscheint als zweites Themenstück, lässt einen das Drama der anderen Songs einordnen, eine reduzierte Country-Mondscheinballade, Geständnis und das Eingeständnis der eigenen Verlorenheit nach der Trennung.

Was das leicht Flirrende der von Aufbruch und Leidenschaft kündenden Stücke­ bereits erahnen ließ, hier wird es benannt als das, was es ist: eine Ausflucht. „Manchmal wenn ich nicht weiter weiß“, so beginnt der Refrain. Dann verwindet in der epischen Odyssee von „Nicht einsam genug“ das Private mit dem Blick auf die Gesellschaft: Der Titel fungiert stets als Diagnose. Derweil das Finale „Ich sing für dich“ den wirklich Einsamen adressiert. Fast gehemmt, vorsichtig und etwas hölzern ist sein Zuspruch für jene, die nicht genau benannt werden.

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