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Omer Bartov: „Die ukrainischen Nationalhelden sind für die Juden Schlächter“


In seinem Buch „Anatomie eines Genozids“ hat der US-amerikanische Historiker Omer Bartov am Beispiel der galizischen Kleinstadt Buczacz beschrieben, unter welchen Katastrophen die Bevölkerung in diesem Landstrich rechts und hyperlinks des Dnipro, in der heutigen Ukraine, zu leiden hatte. Spätestens seit dem Aufkommen des ethnischen Nationalismus vor dem Ersten Weltkrieg begann eine Geschichte der Gewalt. Nun versinken erneut Städte und Dörfer in Schutt und Asche, sterben und fliehen Menschen. Gibt es einen Zusammenhang?

Herr Bartov, wie sind Sie persönlich mit der Ukraine verbunden?

Ich stamme aus einer jüdischen Familie. Meine Mutter ist in Polen geboren, in dem Städtchen Buczacz, das jetzt in der Westukraine liegt. Mit elf Jahren ging sie 1935 mit ihrer Familie nach Palästina. Ich selbst bin in Israel geboren, 1989 in die USA gegangen und habe erst mit 41 Jahren meine Mutter nach ihren Kindheitserinnerungen gefragt. Das battle einfach kein Thema. Danach habe ich viele Jahre über die Ukraine geforscht und sie seit 2003 einige Male bereist.

Kann man sagen, wann das Unglück der Menschen auf dem Gebiet der Ukraine angefangen hat?

Das lässt sich nicht so leicht benennen. Die Geschichte in dieser multiethnischen Gegend ist wohl schon immer konfliktreich gewesen, aber nicht immer gewaltvoll. Das 17. Jahrhundert battle ein brutales Jahrhundert mit den Kosaken-Aufständen und den türkischen Kriegen. Aber im 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg battle diese Gegend generell ruhig und vergleichsweise friedlich.

Wie lebten die verschiedenen Ethnien zusammen?

Man mochte einander nicht übermäßig, hatte seine Vorurteile, aber man battle voneinander abhängig, konnte die Sprachen der anderen und ließ einander weitgehend in Ruhe. 1914 hat dann die neue Gewaltgeschichte angefangen, bei der der erstarkende ethnische Nationalismus eine entscheidende Rolle spielte. Der Erste Weltkrieg richtete große Verwüstungen in den Städten an, es gab viele Judenpogrome, auch von russischer Seite, besonders von kosakischen Einheiten. Es folgte der polnisch-ukrainische Krieg und dann der Krieg gegen die Bolschewiki. In der Zwischenkriegszeit gab es viele Spannungen zwischen Polen und Ukrainern. 1929 ist die OUN, die Organisation der Ukrainischen Nationalisten, gegründet worden, eine terroristische Organisation, die die Westukraine von Polen befreien wollte. Da gab es viele Repressionen von polnischer Seite. In den 1930er-Jahren wurden die Konflikte durch die große wirtschaftliche Krise befeuert. Die beiden Jahre unter sowjetischer Herrschaft 39–41 waren auch sehr schlimm, es gab viel Deportationen von allen drei ethnischen Gruppen. Das hat immer mehr Hass und Spannungen zwischen diesen drei Gruppen geschaffen. Als die Deutschen 1941 einmarschierten, waren die Beziehungen so zerstört, dass es ziemlich leicht battle, Kollaborateure besonders unter den Ukrainern zu finden.

Hängt der Krieg von heute mit dieser Geschichte zusammen?

Ja und nein. Natürlich hat dieser Krieg viel mit der Geschichte zu tun. Russland hat seine eigenen historischen Narrative. Putin sagt, und viele Russen denken das auch, dass die Ukraine ein Teil von Russland ist. Er will nicht die Sowjetunion, sondern das alte zaristische russische Reich wiedervereinen: Großrussland, Weißrussland (additionally Belarus) und Kleinrussland (Ukraine). Dazu behauptet er, dass er die Ukraine entnazifizieren will. Das ist Quatsch, aber als Propaganda-Strategie effizient. Putin stellt diesen Krieg als eine späte Section des Zweiten Weltkriegs dar, und knüpft an den opfer- und glorreichen Kampf der Sowjetunion gegen die Nationalsozialisten an. Dass er damit nicht ganz auf taube Ohren stößt, hängt damit zusammen, dass im Zweiten Weltkrieg ukrainische Einheiten und besonders Polizeikräfte mit den Deutschen zusammengearbeitet haben, um die Juden zu vernichten. Das aber hat nichts zu tun mit dem, was wir jetzt in der Ukraine haben. Das ist ein demokratisches Land mit einem Präsidenten, der jüdische Wurzeln hat. Er ist demokratisch gewählt. Alles andere ist Propaganda von Putin.

Simon & Schuster

Historiker und Europaforscher

Omer Bartov ist 1954 in Israel geboren. Er studierte Geschichte in Tel Aviv und in Oxford, lehrte unter anderem in Princeton und Harvard und arbeitete in Freiburg mit Manfred Messerschmidt zusammen. Heute forscht und lehrt Bartov als Professor für europäische Geschichte und deutsche Studien an der Brown College, Rhode Island.

Auf Deutsch ist von ihm erschienen: „Anatomie eines Genozids: Vom Leben und Sterben einer Stadt namens Buczacz“, Jüdischer Verlag, 486 Seiten, 28 Euro

Aus Ihrem Buch kann man lernen, dass die Nationalgeschichte der Ukrainer für die Juden eine Geschichte von Katastrophen ist.

Ja, das ist wahr. Die großen ukrainischen Nationalhelden sind für die Juden die Schlächter ihrer Gemeinden: Bohdan Chmelnyzkyj, der Held der Kosaken-Aufstände gegen die Polnisch-Litauische Adelsrepublik im 17. Jahrhundert, battle ein Judenmörder. Symon Petliura, der den ukrainischen Unabhängigkeitskrieg nach der Oktoberrevolution anführte und gegen die Bolschewiki kämpfte, battle an den vielen Massakern von 1919 beteiligt, bei denen 100.000 Juden starben. Diese Pogrome wurden zwar nicht alle von ukrainischen Nationalisten durchgeführt, da waren auch Russen, sowohl Weiß- als auch Rotgardisten, und besonders die kosakischen Einheiten dabei, aber in der jüdischen Erinnerung wird das mit Petliura verbunden.

Am bekanntesten ist vielleicht Stepan Bandera, von dem viele Denkmäler in der Ukraine herumstehen.

Auch eine zwiespältige Figur. Er gehörte zum radikalen Flügel der OUN, rief im Zweiten Weltkrieg die unabhängige Ukraine aus, was ihn für manche zum Helden macht. Aber er kollaborierte auch mit den Nazis, half mit bei der Judenvernichtung und sprach schon sehr früh von ethnischen Säuberungen. Es gibt drei verschiedene Narrative: Das russische sagt, dass die Ukraine immer zu Russland gehörte. Das ukrainische spricht von drei Jahrhunderten Freiheits- und Unabhängigkeitskampf. Und dann gibt es ein jüdisches Narrativ, für das die Ukraine schon immer antisemitisch battle. Natürlich ist die Geschichte viel komplizierter. Und Putin fleddert sie, um seine Aggression gegen die Ukraine zu rechtfertigen. Und er weiß, dass er mit seinen Lügen an diese Erinnerungen in Russland und in der jüdischen Gemeinschaft anknüpfen kann. Eine kluge Propaganda-Strategie.

Wieso wird im Krieg der Nationalismus so wichtig? Auch bei den Ukrainern sind nationalistische Tendenzen anzutreffen, was ist etwa mit diesem Ruf „Slawa Ukrajini!“ (Ruhm der Ukraine!)?

Im Krieg sucht man einfache Erklärungen für das Unfassbare. Man sucht diesen Halt, wenn alles zusammenbricht. Den Ruf „Slawa Ukrajini“ mochte ich nicht, den haben die Nationalisten und Faschisten in den 1940er-Jahren benutzt und in dieser Custom auch einige rechtsradikale Kreise in den letzten Jahren. Aber diese Konnotationen sind seit dem Maidan und spätestens seit dem Angriff Russlands weg: Jetzt meint man mit „Slawa Ukrajini!“, dass die Ukraine frei und unabhängig von Russland bleiben soll. Und das ist ein richtiges Anliegen, das eigentlich nichts mit ethnischem Nationalismus zu tun hat.

Wird es durch den Krieg ein nationalistisches Rollback in der Ukraine geben?

Ich battle nicht immer sehr populär in der Ukraine, weil ich über die ukrainischen Kollaborationen und kritisch über die Erinnerungspolitik in der Westukraine nach 1991 geschrieben habe. Ich denke schon, dass sich die Ukraine mehr und kritischer mit der eigenen Vergangenheit konfrontieren könnte. Man brauchte auch in Westeuropa viele Jahrzehnte, um die Nazivergangenheit und den Zweiten Weltkrieg aufzuarbeiten, das battle in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden so. Die Ukraine konnte damit erst 1991 anfangen, vorher galten die sowjetischen Narrative, und man konnte die eigene Geschichte nicht erforschen und erlernen. Und es gab in den letzten Jahren hoffnungsvolle Versuche von jungen ukrainischen Historikern, die ihre Geschichte neu und kritischer schreiben wollen. Die Ukraine ist weniger ethnisch nationalistisch als andere osteuropäische Länder. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass ein Jude Präsident des polnischen oder ungarischen Staates wird. Ich weiß nicht, wie es in Deutschland wäre. In der Ukraine battle das bei Wolodymyr Selenskyj überhaupt kein Thema. Man hat erst darüber gesprochen, als Putin mit diesem Entnazifizierungsblödsinn angefangen hat. Ich hoffe, dass die Ukraine, wenn sie sich von der russischen Besatzung befreien kann, offener und demokratischer sein wird als zuvor. Der Blick auf die eigene Geschichte wird offener sein. Interessant ist, dass der Angriff auf die Ukraine mehr für eine vereinte ukrainische Gesellschaft getan hat als alle ukrainischen Nationalhelden und der Maidan. Odessa zum Beispiel, das eine mehrheitlich Russisch sprechende Stadt ist, will nicht von Russland befreit werden, es will eine ukrainische Stadt sein. Da hat Putin wohl einen Fehler gemacht.

Außerdem hat er die Ukraine in die Wahrnehmung des Westens gerückt.

Vor ein paar Jahren waren die Ukrainer nicht so willkommen in Polen oder in Deutschland. Da gab es diese Klischees vom anti-europäischen und korrupten Ukrainer und viele Vorurteile gegenüber ukrainischen Frauen. Jetzt hat man ein anderes Bild von der Ukraine und würdigt ihren Kampf für Demokratie und Freiheit, der den Westen eint und auf ihre Seite zieht. Auch das wird Putin nicht beabsichtigt haben.



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