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Queere Kunstform: Wie politisch ist Drag?


Es braucht nicht viel, um aus einem Mann eine Frau zu machen: Einen Klebestift, ein paar Lagen Schminke, fünf Strumpfhosen, eine Korsage, ein Kleid, Excessive Heels und eine Perücke,– und zumindest optisch ist die Verwandlung perfekt. Mit jeder Farbschicht, jeder Nylonmasche und jeder Schlaufe, die einem noch so männlichen Körper weibliche Kurven verleiht, gerät ein jahrtausendealtes Konzept ins Wanken: Was ist eine Frau, was ist ein Mann und was bedeutet männlich und weiblich überhaupt noch, wenn man so schnell in eine andere Rolle schlüpfen kann?

Wobei: Schnell läuft an diesem Vormittag im Frankfurter Nordend nichts. Der große Esstisch wurde zweckentfremdet. Niemals hätten im Badezimmer all die Kosmetiktaschen, Pinsel, Puder, Lippenstifte und Make-up-Paletten Platz gefunden, die sich nun auf dem von Handtüchern geschützten Tisch verteilen. Zwei Genies beherrschen dieses Chaos. Hochkonzentriert rühren sie Eyeliner an, verteilen kleine Tröpfchen Kleber auf winzige Glitzersteinchen und setzten sie mit einer Pinzette vorsichtig auf ihr Gesicht.

Erst nach rund vier Stunden ist von Hendrik Gies und Devin Swanson nicht mehr viel zu erkennen. Auf ihren Augenlidern kleben nun bis zu drei Paar Wimpern, umrandet von Eyeliner und jeder Menge Glitzer. Ihre Lippen wirken voller und ihre Gesichtszüge haben sich dank Contouring, weggeklebten und höher aufgemalten Augenbrauen verändert. Mit dem Aufsetzen der Perücke endet für beide ein Ritual, an dessen Ende sie sich verwandelt haben – zu Giselle Hipps und Robin D’Present.

Mehr als nur bloße Unterhaltung zur Primetime

Drag ist dank Formaten wie „RuPaul’s Drag Race“ oder dem deutschen Pendant „Queen of Drags“ im Mainstream angekommen. Obwohl die, die dort gegeneinander antreten, unterschiedlicher nicht sein könnten, konzentrieren sich die Reveals darauf, das abzubilden, was die Zuschauer erwarten: eine bunte Welt voller Diven, Glitzer, Excessive Heels und jeder Menge Drama. Drag ist jedoch viel mehr als nur bloße Unterhaltung zur Primetime – und trifft abseits des Rampenlichts nicht selten auf Gewalt, Hass und Unverständnis.

Dabei demonstriert Drag wie keine andere Kunstform, nach welchen Prinzipien Geschlecht und gesellschaftliche Normen funktionieren. Für die Philosophin Judith Butler stand schon vor mehr 30 Jahren fest, dass Drag die Praxis der Wiederholung idealisierter Geschlechternormen enttarnt. Menschen versuchen tagtäglich ihr Geschlecht nach den Vorstellungen zu inszenieren, die die Gesellschaft für männlich oder weiblich vorsieht. Drag macht diese Leistung erst sichtbar und lässt unweigerlich eine Frage aufkommen: Was bedeutet männlich und weiblich noch, wenn Geschlecht immer und von jedem inszeniert wird?

„Ich mache jetzt mein Ding“

Dass viele nicht akzeptieren können, dass es mehr als nur männlich oder nur weiblich gibt, bekommt auch Robin D’Present immer wieder zu spüren: „Vor allem Männer blocken bei dem Thema schnell ab. Sie meinen dann, dass ich lieber eine Frau wäre.“ Es ist wohl das größte Klischee, mit dem Drag Queens konfrontiert sind. Toxische Maskulinität spiele dabei ebenfalls eine große Rolle: Sie fasst bestimmte Rollenbilder und Idealvorstellungen zusammen, die nicht nur der Gesellschaft, sondern vor allem Männern selbst schadet. Dass sie sich weder verletzlich noch schwach zeigen dürfen, dient allein dem Erhalt von Geschlechtergrenzen. Der Glaube, diese einhalten zu müssen, macht es Männern besonders schwer, aus diesem traditionellen Männlichkeitsbild auszubrechen.

Nach rund vier Stunden ist von Hendrik Gies nicht mehr viel zu sehen. Als Giselle Hipps führt er nun durch den Abend.


Nach rund vier Stunden ist von Hendrik Gies nicht mehr viel zu sehen. Als Giselle Hipps führt er nun durch den Abend.
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Bild: overline.television


Robin D’Present kennt dieses Verhalten. Auch Devin conflict früher von der toxischen Maskulinität betroffen. „Ich wollte nicht, dass jemand mir ansehen kann, dass ich schwul bin“, erzählt er. Dementsprechend habe er sich damals verhalten. Seine female Seite habe er lange Zeit versteckt, versucht reinzupassen, obwohl andere Kinder schon in der fünften Klasse in ihm den Homosexuellen sahen. „Erst als ich vor drei Jahren mit Drag angefangen habe, habe ich endgültig gewusst: Ich muss nirgendwo reinpassen, ich mache jetzt mein Ding.“



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