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Russland beginnt mit Großoffensive in Ostukraine


Mariupol

Eine zerstörte Stadt: Vor wenigen Wochen lebten in Mariupol noch 400.000 Menschen.



(Foto: Reuters)

Düsseldorf Russland hat nach Angaben des ukrainischen Generalstabs mit der erwarteten Offensive im Osten des Nachbarlands begonnen. „Es werden Anzeichen des Beginns der Offensive in der östlichen Operationszone festgestellt“, teilte der Generalstab am Montagabend in Kiew mit. Hervorgehoben wurden dabei die Gebiete Charkiw und Donezk. Von Isjum im Gebiet Charkiw aus werden demnach Vorstöße in Richtung Barwinkowe und Slowjansk im Donezker Gebiet erwartet.

Auch der Gouverneur des Gebiets Luhansk, Serhij Hajdaj, sprach von russischen Angriffen. „Gerade ist die Kontrolle über die Stadt Kreminna verloren gegangen. Es finden Straßenkämpfe statt.“ Es sei keine Evakuierung der Kleinstadt mehr möglich. „Jede Stunde verschlechtert sich die State of affairs.“ In Kreminna sollen von 18.000 Einwohnern vor dem Krieg noch etwa 4000 ausharren.

Schwere Kämpfe gebe es auch um die Städte Rubischne und Popasna. Der ukrainische Präsidentenberater Olexij Arestowytsch hatte zuvor schon über russische Vorstöße in Richtung Huljajpole im Gebiet Saporischschja im Südosten informiert. Rund 10.000 russische Soldaten sollen dabei im Einsatz sein.

Das russische Verteidigungsministerium erklärte am Montag, 16 Militäreinrichtungen in den Regionen um Charkiw, Saporischschja, Donezk, Dnipropetrowsk sowie im Hafen von Mykolajiw zerstört zu haben. Insgesamt seien in der Nacht 315 militärische Ziele in der Ukraine durch Artillerie angegriffen worden. Zudem habe es Luftangriffe auf 108 Orte gegeben, an denen sich ukrainische Truppen konzentrierten.

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Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski sagte in seiner täglichen Videoansprache, dass bei der Bombardierung der Innenstadt von Charkiw fünf Menschen getötet und 15 verletzt wurden. „Dies ist nichts anderes als vorsätzlicher Terror.“

In der Debatte über die Lieferung von schweren Waffen gerät der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bei schweren Waffenlieferungen immer stärker unter Druck. Vitali Klitschko, Kiews Bürgermeister, kritisierte Deutschland am Montagnachmittag deshalb deutlich: „Wir brauchen die schweren Waffen aus Deutschland sofort. Jede Verzögerung kostet Menschenleben“, sagt er der „Bild“-Zeitung. Dazu würden etwa Kampfpanzer, Artilleriegeschütze oder auch Kampfhubschrauber zählen.

Einschlagstelle in Lwiw

Russische Raketen haben unter anderem eine Werkstatt zerstört.


(Foto: AP)

Selenski warnte mit Blick auf die russische Großoffensive vor Zurückhaltung. „Diejenigen, die von uns benötigte Waffen und Munition haben und ihre Hilfe zurückhalten, müssen wissen, dass das Schicksal dieser Schlacht auch von ihnen abhängt. Das Schicksal von Menschen, die gerettet werden können“, sagte er in seiner täglichen Videoansprache.

Drama in Stahlwerk Asowstal

Während in Deutschland weiter über die Waffenlieferungen diskutiert wird, setzte Russland seine Luftangriffe auf die Ukraine fort. Beim Raketenbeschuss der westukrainischen Stadt Lwiw kamen sieben Menschen ums Leben, die ersten zivilen Opfer in der Stadt im Westen des Landes, sagte Bürgermeister Andrij Sadowyj. Elf Personen seien verletzt worden.

Russland hat den Beschuss der Großstadt Lwiw mit Raketen am Montagabend bestätigt. Dabei sei ein Zentrum für die Versorgung der ukrainischen Streitkräfte getroffen worden, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Montagabend in Moskau. Zerstört worden sei ein Logistikzentrum mit großen Teilen ausländischer Waffen, die aus den USA und europäischen Ländern geliefert worden seien.

Über die Anzahl der Raketen gibt es unterschiedliche Angaben, es wird von vier oder fünf Einschlägen berichtet. Es sollen Militärobjekte getroffen worden sein, aber auch zivile Objekte wie ein Reifenservice und ein Lodge. Lwiw battle in der Vergangenheit schon Ziel von Luftangriffen. In der Nähe der Stadt gibt es mehrere Militärobjekte, und sie gilt als wichtiger Umschlagpunkt für Waffenlieferungen aus dem Westen.

Die russischen Luftangriffe hätten um mehr als 50 Prozent zugenommen, sagte der Sprecher des ukrainischen Verteidigungsministeriums, Olexander Motusjanyk. Immer öfter seien Teile der Infrastruktur das Ziel.

In der Ostukraine gehen die schweren Kämpfe weiter. Russland hatte den verbliebenen ukrainischen Truppen in Mariupol mit Vernichtung gedroht. Die Kämpfer ließen ein weiteres Ultimatum Russlands bis zum Sonntagmittag verstreichen. Sie weigerten sich, die Waffen niederzulegen. Ministeriumssprecher Motusjanyk bezeichnete die Lage als „extrem schwierig“. Mariupol sei aber noch nicht vollständig unter russischer Kontrolle.

In einem Lagebericht der britischen Geheimdienste hieß es, die Angriffe Moskaus auf bewohnte Gebiete in Mariupol ähnelten dem russischen Vorgehen in Tschetschenien 1999 und in Syrien 2016 und widerspreche der Erklärung des russischen Verteidigungsministeriums zu Beginn des Krieges, dass das Land keine Städte oder die ukrainische Bevölkerung angreifen wolle.

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Der ukrainische Generalstab berichtete am Sonntagabend von russischen Raketen- und Bombenangriffen. Dabei seien auch Überschallbomber vom Typ Tu-22M3 zum Einsatz gekommen. Regierungschef Denys Schmyhal sagte dem US-Sender ABC, die Stadt sei nicht gefallen.

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba berichtete im US-Sender CBS, die eigenen Truppen seien von russischen Truppen „im Grunde eingekreist“. In dem Stahlwerk Asowstal sollen sich mehrere Tausend ukrainische Kämpfer verschanzt haben. Auch zahlreiche Zivilisten befinden sich nach Angaben örtlicher Behörden auf dem umkämpften Gelände des Werks, zu dem auch unterirdische Anlagen gehören.

Keine Fluchtkorridore und keine Verhandlungserfolge

Bei den Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine für eine Beendigung des Krieges sind nach Kremlangaben weiter keine Fortschritte in Sicht. Die Dynamik lasse zu wünschen übrig, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Montag der Agentur Interfax zufolge. Die Ukraine ändere ihre Place oft und lasse keine besondere Konstanz bei Abstimmungsfragen erkennen. Der Angriffskrieg des Kremls wird demnach fortgesetzt, den Russland wiederum in der eigenen Propagandasprache als „militärische Spezialoperation“ deklariert.

Ukrainischer Präsident

Wolodimir Selenski fordert mehr Waffen zur Landesverteidigung ein.



(Foto: dpa)

Die stellvertretende ukrainische Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk rief Russland am Montag auf, schnell Fluchtkorridore für Zivilisten zuzulassen. Darauf konnten sich die Parteien aber den zweiten Tag in Folge nicht einigen. „Aus Sicherheitserwägungen wurde heute die Entscheidung getroffen, keine humanitären Korridore zu eröffnen“, teilte Wereschtschuk am Montag selbst mit.

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Es seien am Vortag lange Verhandlungen ohne Ergebnis geführt worden. Sie warf der russischen Seite den Beschuss von Fluchtrouten vor. Zuletzt waren am Samstag knapp 1500 Menschen über derartige Routen in sichere Gebiete gelangt.

Nach dem Rückzug russischer Truppen aus dem Großraum Kiew konzentriert sich das Militär derzeit auf die Eroberung von Gebieten im Süden und im Osten. Als Hauptziel gilt die Einnahme Mariupols. Das wäre für Russland die erste größere Eroberung seit dem Invasionsbeginn am 24. Februar.

Quick fünf Millionen Flüchtlinge aus der Ukraine

Seit Beginn der russischen Invasion haben nach UN-Angaben mehr als 4,9 Millionen der ehemals 44 Millionen Einwohner die Ukraine verlassen. Außerdem wurden mehr als sieben Millionen Menschen im Land vertrieben.

Mit mehr als 2,8 Millionen haben sich die meisten Menschen aus der Ukraine im Nachbarland Polen in Sicherheit gebracht. Aber der Grenzschutz berichtete, dass er am Sonntag erneut mehr Einreisen in die Ukraine als Ausreisen aus dem östlichen Nachbarland gezählt habe.

Die Bundespolizei hat bislang 357.253 Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland festgestellt. Das teilte das Bundesinnenministerium am Montag auf Twitter mit. Die tatsächliche Zahl dürfte aber höher liegen, weil es an den Grenzen keine festen Kontrollen gibt und sich Menschen mit ukrainischem Go 90 Tage lang ohne Visum in der EU aufhalten dürfen.

Mit Agenturmaterial von dpa und Reuters

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