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Scholz’ Appell offenbart eine mentale Zeitenwende


Olaf Scholz

Im Zuge des Ukrainekrieges hat der Bundeskanzler eine Zeitenwende ausgerufen.


(Foto: IMAGO/Achille Abboud)

Wer als Personalberater für die deutsche Rüstungsindustrie tätig warfare, hatte in der Öffentlichkeit lange einen schweren Stand. Schlimmer warfare offenbar nur ein Job in der Tabakindustrie. Viele Supervisor hielten sich aus diesem Grund von der Waffenindustrie fern – häufig aus „persönlich-ethischen Gründen“.

Vor wenigen Wochen hat sich diese Sichtweise erstaunlicherweise grundlegend geändert. Durch die von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) angekündigte „Zeitenwende“ erlebt die Rüstungsbranche einen Aufschwung und damit die Notwendigkeit des personellen Aufbaus, wie ihn sich kein Vorstand und kein Berater in seinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können.

Und siehe da, plötzlich ist es en vogue, durch einen Job in einem der ehemals geächteten Unternehmen nicht nur an diesem Aufschwung zu partizipieren, sondern dabei auch noch etwas Gutes zu tun. Ob dies für die Ukraine, fürs Vaterland oder schlicht für die eigene Karriere geschieht, entscheidet jeder selbst.

Fraglich ist, warum ein Job in diesem Sektor früher so verpönt warfare – es aber heute nicht mehr ist. Denn die Produkte der Unternehmen haben sich durch die Zeitenwende nicht verändert. Die Frage lautet additionally: Wie steht es additionally heute um die persönlichen, ethischen Gründe?

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Nur nebenbei: Die deutsche Verteidigungsindustrie unterliegt wie kaum eine andere Industrie rigiden Exportbeschränkungen. Die wesentlichen Abnehmer sind entweder die Bundeswehr, Nato-Accomplice oder dem Verteidigungsbündnis gleichgestellte Länder. Die Rüstungsgüter werden und wurden vornehmlich von staatlichen Sicherheitskräften für die Verteidigung von Demokratie und Freiheit eingesetzt. An dieser Tatsache hat sich nichts geändert, außer dass sie seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine Ende Februar Teil der Realpolitik geworden sind.

Dass man Demokratie und Freiheit verteidigt – im Zweifel auch mit Waffen –, lässt sich angesichts der Realität nicht länger moralisch in Frage stellen. Plötzlich ist die Rüstungs- oder besser die Verteidigungsindustrie gesellschaftskonform und ethisch vertretbar. Plötzlich ist an Waffen, militärischen Systemen und Ausrüstungen nichts mehr auszusetzen. Und vorher? Im tiefsten Frieden? Fürs eigene Land und seine Accomplice? Zu diesem Zeitpunkt waren sie nicht vertretbar.

Diese mentale Zeitenwende zeigt in sehr anschaulicher Weise, dass vielfach beschworene „Werte“, „Grundsätze“ und „Leitbilder“ eben doch zumeist nur vordergründiger Natur sind und einen Zeitgeist bedienen, dem man meint, sich beugen zu müssen.

Das führt zu der Frage, ob das in anderen Fällen nicht auch so ist: etwa bei den „Surroundings, Social & Governance“-Kriterien (ESG-Kriterien), die den Weg zu einer nachhaltigeren Welt bestimmen sollen, oder bei den Themen Diversität und Klimawandel.

Lücke zwischen Anspruch und Realität

Eine größere Umfrage von Odgers Berndtson zum Thema Inklusion und Diversität zu diesem Themenfeld zeigt, dass zwischen manifestiertem Anspruch und erlebbarer Realität eine große Lücke klafft. Maßnahmen wie Frauenquoten und ESG-Politik, um mehr Diversität in die Unternehmen zu bekommen, haben oft wenig mit der tatsächlichen Realpolitik der jeweiligen Betriebe zu tun, die diese Vorschriften umsetzen sollen. Die Unterschiede zwischen dem Handeln und dem Philosophieren sind offensichtlich in mehreren Hinsichten zu groß.

Befürworter gibt es viele, die Umsetzung gestaltet sich jedoch oft komplizierter als vielleicht nötig. Frauen in den Vorstand? Ja, klar! Mehr Vielfalt in die Führungsebenen, und nicht nur im Mai? Na sicher! Fraglich ist, ob dabei nur ein Zeitgeist bedient wird.

Der rasche Sinneswandel in der fundamentalen Frage, ob man das Recht und die Notwendigkeit der Landesverteidigung mit der entsprechenden Ausrüstung bejaht, lässt für andere Zukunftsfragen, seien es Diversität oder Klimawandel, zumindest nichts Gutes ahnen.

Darum möge man Unternehmen und Führungskräfte mehr denn je nicht an dem messen, was sie sagen oder in den sozialen Medien so nervig posten, sondern daran, was sie wirklich tun. Vor allem dann, wenn es Gegenreaktionen gibt. All diejenigen, die sich so gerne über die scheinbaren Versäumnisse anderer lautstark echauffieren, sollten es daher einfach mal eine Nummer leiser versuchen.

Klaus Hansen ist Accomplice der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices „Board & Chair“ sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

Mehr: Frauen in Chefetagen: Es braucht mehr politische Antreiber als die Frauenquote.



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