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Sharenow: Eine Bankrotterklärung der deutschen Autoindustrie


BMW und Daimler haben ihr Carsharing-Projekt an die Konkurrenz verkauft. Das ist eine kurzsichtige und desaströse Entscheidung mit Folgen.

Mit dem Verkauf von ShareNow verabschieden sich BMW und Daimler aus dem Carsharing.
ShareNow

Dass BMW und Daimler ihr gemeinsames Carsharing-Unternehmen Sharenow an den Autobauer Stellantis (Fiat, Peugeot, Opel) verkaufen, kommt nicht überraschend. Seit mehr als einem Jahr gab es immer wieder Gerüchte, dass das Joint Enterprise veräußert werden sollte. Intern soll vor allem die BMW-Führung gewesen sein, die das Geschäft schnell loswerden wollte. Aber auch bei Daimler wandelte sich die Stimmung. CEO Ola Källenius hält wenig von den Ideen seines Vorgängers Dieter Zetsche. Der wollte Daimler zu einem integrierten Mobilitätsanbieter machen. Für Källenius aber soll das digitale Geschäft zum größten Teil in den verkauften Autos stattfinden – und nicht mehr über Mobilitätsplattformen.

Wirtschaftlich ist die Entscheidung nachvollziehbar. Allein Daimler verbuchte für sein mit Sharenow einen Verlust von 329 Millionen Euro bei einem Umsatz von 260 Millionen Euro. Auch als Gesamtunternehmen mit BMW hat die Carsharing-Plattform nie Geld abgeworfen. Es conflict ein Zuschussgeschäft für beide Autobauer. Als BMW und Daimler 2019 beschlossen, aus Drivenow und Car2go ein Joint Enterprise zu formen, passierte das auch, weil beide Unternehmen mit ihren Carsharing-Angeboten seit Jahren Verluste machten. Das Joint Enterprise sollte die Kosten senken und das Carsharing profitabel machen. Dass das nicht gelungen ist, hat viele Gründe, die nicht nur beim Anbieter liegen.

Die Verkehrswende fängt gerade erst an

Andererseits ist die Entscheidung fragwürdig. Vor allem im Hinblick darauf, dass etliche Unternehmen gerade in den Bereich der Mobilitätsdienstleistungen einsteigen. Das sind vorwiegend Unternehmen, die im Bereich des autonomen Fahrens unterwegs sind, Mobileye und Waymo zum Beispiel oder das noch recht unbekannte US-Startup Pony.ai. Die sehen ihre Probability nicht nur als Ersatz für das Taxi, sondern haben auch verstanden, dass sich die Mobilität in den Städten grundsätzlich verändern wird. Die Metropolen wollen weniger Autoverkehr. Das geht aber nur, wenn es Alternativen gibt.

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Carsharing wird vor allem dann lukrativ, wenn autonomes Fahren in den Städten möglich ist. Dann können die Autos selbstständig zum Kunden oder in die Werkstatt fahren, was die Betriebskosten drastisch reduziert. Das wird zwar noch einige Jahre dauern. Aber die technologischen Fortschritte sind immens. Autonome Kleinbusse sind schon jetzt in vielen Gegenden erfolgreich im Einsatz, auch in Europa. Autonome Taxis werden daher noch weit vor 2030 regelmäßig zu sehen sein.

Autobauer werfen Geld und Know-how achtlos weg

Was heißt das für Sharenow? Das Unternehmen hat die weltweit größte Carsharing-Flotte im Einsatz und auch die meisten Kunden. Nachdem mehr als ein Jahrzehnt in die Sparte investiert wurde, erscheint es quick fahrlässig, so kurz vor dem Ziel aufzugeben. Warum BMW und Daimler das investierte Geld sowie das erworbene Know-how achtlos wegwerfen, ist nicht nachvollziehbar. Stellantis, das mit Free2Move ebenfalls ein Carsharing-Angebot betreibt, wird von der jahrelangen Pionierarbeit profitieren.

Mit dem Verkauf bleiben BMW und Daimler nun noch die Taxi-Vermittlungsplattform Freenow und die Ladestrom-App Chargenow. Aus allen anderen digitalen Geschäften haben sich beide Unternehmen inzwischen verabschiedet. Stattdessen wollen beide Konzerne, so wie früher, nur Autos verkaufen. Das ist angesichts der global-politischen Entwicklungen eine sehr kurzsichtige Strategie. Beide Unternehmen verkaufen rund 40 Prozent ihrer Fahrzeuge in China. Sollten die Absatzzahlen in China einbrechen, haben weder BMW noch Daimler ein Digitalgeschäft, das die Ausfälle kompensieren kann.

Die Hoffnungen liegen jetzt auf Stellantis

Immerhin eine gute Nachricht hat der Verkauf von Sharenow: Dass es ihn überhaupt gegeben hat. Theoretisch wäre es auch möglich gewesen, dass das Carsharing-Unternehmen seinen Geschäftsbetrieb einfach einstellt. Dass Stellantis, anders als die jetzigen Inhaber des Unternehmens, im Carsharing-Geschäft offenbar eine Zukunft sieht, dürfte der Carsharing-Branche weiterhin Auftrieb geben. Stellantis wird Sharenow in das bestehende Plattformangebot von Free2move eingliedern und damit auf einen Schlag großflächiges Carsharing in der EU und in den USA anbieten können.

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Dem Carsharing selbst schadet die Entscheidung von BMW und Daimler eher nicht. Das Gegenteil könnte der Fall sein, wenn Stellantis dem dahinsiechenden Unternehmen neues Leben einhaucht. Dafür wird es weitere Investitionen brauchen. Aber darüber wird man sich in Paris im Klaren sein. Und anders als in München und Stuttgart, scheint es Stellantis sehr daran gelegen zu sein, einen starkes, digitales Geschäft aufzubauen, dass auf Mobilität und nicht allein auf den Verkauf von Autos setzt. Für die hiesige Autoindustrie ist der Sharenow-Verkauf indes eine Bankrotterklärung. Wieder einmal.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.



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