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So beeinflusst der Ukraine-Krieg eine mögliche Zinswende der EZB


Die EZB-Präsidentin Christine Lagarde steht vor einer schwieirigen Entscheidung: Der Wirtschaft helfen und die lockere Geldpolitik fortsetzen oder die Zinsen anheben, um die Inflation zu bremsen.
Thomas Lohnes/Getty Images

Die Inflation in Deutschland liegt bei 5,8 Prozent und der Ukraine-Krieg dürfte die Inflation weiter anheizen. Darauf könnte die EZB jetzt mit einer schrittweisen Erhöhung der Zinsen regieren.

In der kommenden Woche ist die Sitzung der EZB — ein wichtiger Moment. Denn sie muss sich entscheiden: Zinsen anheben und Inflation bremsen oder lockere Geldpolitik fortsetzen und die Wirtschaft stabilisieren.

Der Chefvolkswirt der ING, Carsten Brzeski, ist sich sicher, dass Sparer nicht mit einer Zinserhöhung in der kommenden Woche rechnen können. Aber gegen Ende des Jahres könnte sich unter Umständen tatsächlich was ändern.

Als die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, vor sechs Wochen vor die Kamera trat und verkündete, die Zinsen nicht anheben zu wollen, war die Enttäuschung deutscher Sparer groß. Zumal die Inflation zu diesem Zeitpunkt schon knapp über 5 Prozent lag.

Jetzt liegt sie schon im Februar bei 5,1 Prozent in Deutschland. Infolge des Ukraine-Krieges könnte sie zudem auch kurzfristig noch weiter steigen, vermutet Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING. Der Krieg treibe die bereits jetzt schon hohen Energiepreise und Lieferkosten weiter in die Höhe. „Das Inflations-Ziel der EZB von um die 2 Prozent wird deutlich überstiegen werden. Bei der ING rechnen wir inzwischen mit einer Inflation von 4,5 Prozent in diesem Jahr“, sagt Brzeski zu Business Insider. Die Deutsche Bundesbank geht sogar von 5 Prozent aus. Dabei handelt es sich bei diesen Prognosen um den Jahresdurchschnitt der Inflation in Deutschland.

Nächste Woche Freitag, am 10. März, tagt der EZB-Rat erneut und diskutiert über seine Zins- und Geldpolitik. Dabei steckt die EZB in einer Zwickmühle. Durch den Krieg in der Ukraine wird nämlich nicht nur die Inflation angetrieben, sondern auch die Wirtschaft destabilisiert und das Wirtschaftswachstum gebremst — was gegen eine Zinserhöhung spricht.

Schwierige Entscheidung steht bevor

Sie muss sich also entscheiden: Zinsen anheben, um die Kriegs-getriebene Inflation unter Kontrolle zu bekommen oder an der lockeren Geldpolitik festhalten, also den Einlagezins bei -0,5 Prozent belassen, und so die Wirtschaft in Krisenzeiten stabilisieren.

Sparer dürften auch diesmal auf das Bekanntgeben einer Zinswende hoffen, denn Inflation und Negativzinsen auf Einlagen bei Banken lassen die Vermögen weiter an Wert verlieren. Doch wie hoch stehen die Chancen tatsächlich, dass die EZB mit einer Zinserhöhung versucht, die Inflation zu bremsen? In den USA reagiert die Zentralbank, FED, schon auf die Inflation. Dort liegt die Inflation bei über 7 Prozent und schon ab diesem Monat soll der Zins langsam angehoben werden.

Man könnte annehmen, dass auch die EZB die Zinsen rasch anheben wird, um Geld zu binden und mehr Wert zu verleihen. Doch Brzeski ist wenig optimistisch, dass die EZB-Ratsmitglieder das ähnlich sehen. „Der Krieg verschiebt die Zinswende. Mit einem Big Bang in Form einer Zinserhöhung in der kommenden Woche sollten die Sparer nicht rechnen“, sagt Brzeski. Die EZB berücksichtige viele Unsicherheitsfaktoren. Derzeit sei die Lage zu unübersichtlich, um eine Kehrtwende in die Wege zu leiten.

Erhöhung der Zinsen birgt höheres Risiko als Nutzen

Dazu kommt, dass die EZB die Zinsen schrittweise anheben muss. Der erste Schritt würde demnach eine Zinserhöhung von 0,5 Basispunkten auf einen Einlagezins von 0,0 Prozent bedeuten. Aus den Negativzinsen würden also wieder Nullzinsen.

Das Problem dabei ist, dass diese Erhöhung nur einen äußerst geringen Effekt auf die Inflation hätte, aber die bereits jetzt schon unsichere Wirtschaft weiter destabilisieren könnte. Dieses Risiko einzugehen, wird sich die EZB sehr gut überlegen müssen.

Auch für Brzeski ist klar, dass sich die Faktoren, die vor dem Krieg die Inflation auf 5 Prozent getrieben haben, mit einer Kehrtwende der EZB nicht in Luft auflösen werden: „Eine Zinserhöhung löst weder das Problem des Chipmangels, noch bringt es Container schneller ans Ziel. Sie hätte eher langfristige Wirkungen.“

Zinswende könnte trotzdem noch 2022 kommen

Doch wann dürfen die Sparer dann mit einer Zinserhöhung rechnen? Das hängt einerseits von den Ereignissen in der Ukraine ab und dann davon, wie schnell sich die wirtschaftliche Lage beruhigen lässt. Unter günstigsten Bedingungen rechnet Brzeski damit, dass die EZB tatsächlich noch in diesem Jahr die Zinswende einläutet und Ende dieses Jahres den Einlagezins auf 0,0 Prozent anheben wird.

Sollte sich der Krieg in der Ukraine noch weiter ziehen, sogar über das Jahr hinaus, muss die Lage nochmal neu bewertet werden. „Sollte sich der Krieg über mehrere Monate ziehen, dann haben wir eine völlig andere Situation. Mit einem Verbleib bei dem aktuellen Zins, würde sich die EZB Zeit zum Einschätzen der Situation kaufen“, sagt Brzeski.

Bevor die Zinsen steigen können, müssen die Anleihekaufprogramme auslaufen

Dabei geht es der EZB darum, flexibel auf die kommenden Ereignisse reagieren zu können. Das Augenmerk liegt dann auch nicht mehr auf einer Zinserhöhung, sondern den Anleihekaufprogramm PEPP und APP. Im Rahmen dieser Programme kaufte die EZB Staatsanleihen europäischer Länder auf und bevor die Zinsen steigen können, müssen diese auslaufen.

Geplant ist bislang, dass die Käufe dieses Jahr immer weiter reduziert werden und dann 2024 gestoppt werden. Das könnte sich jetzt allerdings nochmal ändern. Denn, sollte der Krieg in der Ukraine länger dauern und die Wirtschaft weiter unter Druck setzen, könnten die Anleihekaufprogramme stabilisierend wirken. Die EZB wird das berücksichtigen und könnte die Reduzierung des Volumens vorerst aufs Eis legen. Die Folge für die Sparer: die Zinswende verschiebt sich weiter in die Zukunft.

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