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“Sterben auf Raten”: Betriebsratschef von Airbus Defence schlägt Alarm


Thomas Pretzl, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei Airbus Defence and Area steht vor einem Twister-Kampfflugzeug auf dem Firmengelände.
dpa

  • Inmitten des Ukrainekriegs und der von Bundeskanzler Olaf Scholz ausgerufenen „Zeitenwende“ in der Rüstungs- und Sicherheitspolitik Deutschlands schlägt der Betriebsratschef von Airbus Defence and Area, Thomas Pretzl, Alarm.
  • Die Rüstungssparte des deutsch-französischen Konzerns könnte in Deutschland zu einem Zulieferer verkommen oder komplett vor dem Aus stehen, sagt Pretzl zu Enterprise Insider.
  • Grund dafür ist die Entscheidung der Bundesregierung, amerikanische F-35 Flieger zu kaufen statt der Eurofighter von Airbus. Außerdem versuche die französische Airbus-Seite mit aller Macht, die Entwicklung und Produktion neuer Kampfflieger nach Frankreich zu holen.

Das Elend brachte ausgerechnet ein Adeliger aus Bayern über die Bundeswehr. Das schrumpfende Wehrbudget, der Rüstungsmangel, die vielen Pannen des Kriegsgeräts – alles eine Folge der Reformen von Ex-Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg. So sehen es jedenfalls die Supervisor der Rüstungssparte des deutsch-französischen Konzerns Airbus. Der Hauptsitz von Airbus Defence and Area ist nämlich in Bayern bei Maching, die Supervisor stammen selbst zumeist aus dem Freistaat. Die Kritik fällt ihnen nicht leicht, ihre Frustration können sie kaum verbergen. Die Rüstungssparte von Airbus musste gerade einen Tiefschlag hinnehmen und kämpft um die eigene Existenz. So beschreibt es der Betriebsratsvorsitzende Thomas Pretzl gegenüber Enterprise Insider.

Für die Rüstungsindustrie sollten es dabei gerade lukrative Zeiten sein. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat eine Zeitenwende ausgerufen, die vor allem für das deutsche Militär gilt. 100 Milliarden Euro will der Bundeskanzler für die Bundeswehr in einem Sondervermögen bereitstellen. In der Ukraine tobt derweil ein blutiger Krieg nach dem Überfall Russlands, die ukrainische Seite braucht dringend leichtes und schweres Kriegsgerät. Trotz dieser historischen Scenario herrscht in der Rüstungswelt düstere Stimmung. Bitter soll die Lage vor allem in der Luftfahrt sein, sagen Airbus-Supervisor.

Strategisches Risiko für die Luftwaffe

Die Luftwaffe befindet sich im Umbruch: Die Twister-Flotte soll mit neuen Kampffliegern ersetzt werden. Es geht um 93 Modelle, einen großen Lieferumfang. Airbus machte sich große Hoffnungen, die Tornados vor allem mit den eigenen Eurofightern ersetzen zu können. Die Hoffnungen blieben unerfüllt. Bundeskanzler Olaf Scholz gab kürzlich bekannt, dass 35 F-35 Flieger des Herstellers Lockheed Martin bestellt werden. Die F-35 Jets seien nämlich ab sofort fähig zur nuklearen Teilhabe und technisch eines der besten Flugzeuge auf dem Markt. Pretzl sieht in dem Einkauf ein strategisches Risiko für die deutsche Luftwaffe.

 „Wir haben mit gewisser Enttäuschung wahrgenommen, dass die Bundesregierung bei den Amerikanern die 35 F-35 Bomber für die nukleare Teilhabe angefragt hat. Der Haken an den Fliegern ist, dass das Flugzeug zwar uns gehört, wir das Flugzeug durch die Exhausting- und Software program nur mit den USA betreiben können“, sagt Arbeitnehmerchef Pretzl zu Enterprise Insider. „Ohne neue Updates werden die Flieger zukünftig nicht starten können, wir begeben uns damit in eine starke Abhängigkeit der USA, souverän ist das nicht.“

Aus Sicht des Arbeitnehmerchefs eine doppelte Gefahr: „Wir können nicht mit absoluter Sicherheit eine Wiederwahl Trumps ausschließen“, sagt er. US-Präsident Trump drohte während seiner Amtszeit damit, aus der NATO auszusteigen. Seine Drohung hat er in den vergangenen Wochen erneuert, für den Fall, dass er wiedergewählt werden sollte. Die Folge wäre laut Pretzl additionally ein Risiko für die deutsche Luftwaffe, wenn ein US-Präsident Donald Trump entscheidet, ob die F-35 Flieger in Deutschland nun abheben können oder nicht.

Es ist aber nicht nur die nukleare Teilhabe. Die Sorge des Airbus-Managers ist, dass die F-35 Flieger auch für den elektronischen Kampf eingesetzt und Luft-Boden Einsätze fliegen könnten – eigentlich Hoheitsgebiete des Eurofighters. Dadurch könnte der Airbus-Kampfjet noch weiter zurückgedrängt werden. Für die amerikanischen Flieger muss in Deutschland eine neue Infrastruktur aufgebaut werden, eigene Wartungshallen, Ketten für Ersatzteile, Fachpersonal. Wenn man einen solchen Aufwand betreibt, könne die Bundesregierung auf den Gedanken kommen, eine noch größere Menge F-35 zu ordern, sorgt sich der Arbeitnehmerchef von Airbus.

Harter Machtkampf bei Airbus

Bei Airbus tobt gleichzeitig ein Machtkampf zwischen der französischen und der deutschen Fraktion im Konzern. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung einer neuen Fliegergeneration, abgekürzt heißt das Kampfjet-Projekt FCAS (Future Fight Air Methods). „Wir erleben, dass unsere französischen Freunde die Entwicklung und Produktion der nächsten Flieger-Era des FCAS (Future Fight Air Methods) komplett an sich ziehen will“, sagt Pretzl.

An FCAS hängen viele Arbeitsplätze, auch in Deutschland. Das Thema ist hochpolitisch: In Frankreich ist es Chefsache, der französische Präsidenten Emmanuel Macron befasst sich persönlich damit. Es gab in der Vergangenheit Gespräche zwischen Macron und Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel zu FCAS.  Pretzl ist vom Ergebnis dieser vertraulichen Gespräche der Regierungschefs enttäuscht.

„Wir nehmen zur Kenntnis, dass sich die deutsche Politik immer wieder dem Druck aus Frankreich beugt. Man nimmt die harten Forderungen in Kauf, damit die deutsch-französische Freundschaft nicht belastet wird, mit bitteren Folgen für unsere Beschäftigten. Wir wissen, dass es bereits klare Signale der letzten Merkel-Regierung Richtung Macron gab, dass die französischen Forderungen erfüllt werden“, sagt Prezl.

Das habe nicht nur Konsequenzen für die Airbus-Belegschaft in Deutschland, sondern auch für die deutsche Luftwaffe. Die Bundeswehr brauche andere Flieger als Frankreich, weil die Bundesrepublik sich näher an der Bedrohungslage im Osten befinde. „Für die Absicherung der Grenze müssen unsere Kampfjets schnell und agil sein. Die Franzosen brauchen für ihre Einsätze im Ausland Flugzeuge für Luft-Boden-Einsätze, die auf ihrem Flugzeugträger Charles De Gaulle landen können. Die haben ein massives Fahrwerk und sind unbeweglicher“, sagt Pretzl.

Der Arbeitnehmerchef gibt sich keinen Illusionen hin, was der Einkauf der amerikanischen Jets und die Verlagerung von FCAS nach Frankreich bedeutet: „Wenn man beides zusammennimmt, die Beschaffung der F-35 in den USA und die Konzentration des subsequent era fighters im FCAS nach Frankreich, dann bedeutet das für Airbus Defence und Area in Deutschland ein Sterben auf Raten.“



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