Business

Thyssen-Krupp: Ukrainekrieg gefährdet die Sanierung



Duisburg, Essen, Frankfurt Das Video, das die Zukunft des Thyssen-Krupp-Stahlwerks in Duisburg zeigen soll, kommt sentimental daher: Ein alter Mann mit weißem Vollbart durchstreift darin das grüne Unterholz gemeinsam mit seiner Enkelin. Als sie stehenbleiben, ist in der Ferne eine große Industrieanlage zu sehen.

„Ich bin richtig stolz auf dich Opa“, sagt das Mädchen, nachdem ihr Großvater ihr erzählt hat, wie er beim Wandel von der kohlebasierten zur klimaneutralen Stahlproduktion dabei warfare. Sie strahlt ihren Opa an: „Ohne dich gäbe es dieses Stahlwerk vielleicht nicht mehr.“

Die Botschaft des fiktiven Movies, der im Jahr 2045 angesiedelt ist und vom Konzern selbst produziert wurde, ist klar: Die Dekarbonisierung ist für den Ruhrkonzern überlebenswichtig. Seit mehr als 200 Jahren schmelzen der Konzern und seine Vorgängerunternehmen in Duisburg Eisenerz und Kohle zu Stahl. Jetzt muss die Produktion mit milliardenschweren Investitionen in neue Anlagen klimafreundlich werden – oder sie hat keine Zukunft mehr.

Diese Transformation ist aber in Gefahr: Der Krieg in der Ukraine bringt auch für Thyssen-Krupp kurzfristig Probleme mit sich, die die jüngsten Sanierungserfolge wieder wettmachen könnten. Die drastisch gestiegenen Rohstoffpreise belasten das Geschäft von Deutschlands größtem Stahlproduzenten. Hinzu kommt: Einen großen Teil seiner Vormaterialien bezog Thyssen-Krupp bislang aus Russland. Diese müssen nun teuer aus anderen Weltregionen eingekauft werden.

High-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Erschwert wird die Lage zudem durch die schleppende Nachfrage aus der Autoindustrie, mit der der Ruhrkonzern einen Großteil seiner Gewinne einfährt. Der ursprüngliche Plan von Vorstandschefin Martina Merz, die Sparte zu verselbstständigen, liegt deshalb mittlerweile auf Eis.

Nun fragt sich die Belegschaft besorgt, wie es weitergeht: „Alle, die hier arbeiten, haben Angst um ihre Zukunft“, so drückt es ein Azubi im Gespräch mit SPD-Landtagsabgeordneten aus, die in der vergangenen Woche das Ausbildungszentrum in Duisburg besucht haben.

Ukrainekrieg wirbelt alles durcheinander

Eigentlich wollte Konzernchefin Martina Merz den restlichen Konzernverbund von den Lasten befreien, die der Wandel zu klimaneutralen Produktionsverfahren für die Stahlsparte bedeutet. Die nach der Coronapandemie kräftig anziehenden Stahlpreise sorgten dabei für Rückenwind: Je besser die Aussichten des Geschäfts, desto geringer hätte die Mitgift ausfallen können, die Thyssen-Krupp seinem Traditionsgeschäft hätte mitgeben müssen. Doch dann kam der Krieg – und wirbelt seither alle Pläne durcheinander.

Auch wenn die Stahlpreise kaum gesunken sind, verhandelte die IG Metall mit dem Vorstand zuletzt nicht über Lohnerhöhungen, sondern über Kurzarbeit. Auf 3,2 Milliarden Euro beziffert der Betriebsrat den kurzfristigen Kapitalbedarf der Stahlsparte.

Im Gespräch mit dem Handelsblatt begründet Betriebsratschef Tekin Nasikkol die Forderung auch damit, dass die Transformation zur wasserstoffbasierten Produktion, bei der der Konzern auf externe Anlagenbauer angewiesen ist, teurer werde als bislang angenommen. „Die Anlagenbauer verzeichnen derzeit eine hohe Nachfrage – weshalb der Umbau mehr kosten wird als zunächst kalkuliert.“

Tekin Nasikkol

Der Betriebsratschef (hyperlinks) fordert von den Eigentümern eine Kapitalspritze für die Stahlsparte.



(Foto: dpa)

Gleichzeitig setzen die gestiegenen Energiepreise das Stahlgeschäft von Thyssen-Krupp unter Druck. Ursprünglich lautete Merz‘ Plan, dass die einzelnen Sparten ihre Investitionen fortan aus ihrem laufenden Geschäft finanzieren. Doch wegen des Kriegs scheint dieses Ziel zumindest im Fall der Stahlsparte nun in weite Ferne gerückt. So summieren sich allein die zusätzlichen Stromkosten in diesem Jahr voraussichtlich auf einen dreistelligen Millionenbetrag – Geld, das auch vorgesehen warfare, um dringende Modernisierungen an den bestehenden Anlagen vorzunehmen.

Gewerkschafter Nasikkol nimmt daher nun die Aktionäre in die Pflicht, sich an den durch den Krieg entstandenen Lasten zu beteiligen. „Wir können die Transformation nicht aus eigener Kraft stemmen“, sagte der Betriebsratschef. Ursprünglich hatten die Arbeitnehmervertreter den Finanzbedarf im Fall einer Verselbstständigung auf 2,5 Milliarden Euro beziffert. Nun ist er um 700 Millionen Euro gestiegen. „Jetzt müssen die Eigentümer ihren Teil beitragen und Kapital zuschießen. Wir dürfen unseren ohnehin schon ambitionierten Zeitplan nicht gefährden.“

Doch den Aktionären, allen voran der Krupp-Stiftung, die mit einem Anteil von rund 21 Prozent derzeit das größte Aktienpaket hält, dürfte diese Kapitalspritze wohl nur schwer zu vermitteln sein. Denn schon die bisherige Sanierung ließ sich der Ruhrkonzern einiges kosten: Von den 17,2 Milliarden Euro, die Thyssen-Krupp vor zwei Jahren durch den Verkauf seiner hochprofitablen Aufzugsparte einnahm, warfare im September noch ein Nettofinanzguthaben von 3,6 Milliarden Euro übrig – sowie eine Rückbeteiligung an Elevator in Höhe von seinerzeit 1,25 Milliarden Euro.

Zwar ist Thyssen-Krupp damit von dem milliardenschweren Schuldenberg befreit, der einst durch Fehlinvestitionen in Stahlwerke in Brasilien und den USA entstand. Doch ob sich die Investitionen in die Transformation der Stahlproduktion eines Tages rechnen, steht in den Sternen. Zwischen sieben und zehn Milliarden Euro könnte der Umbau allein am Standort Duisburg verschlingen. Gleichzeitig verzehnfacht sich der Strombedarf: Statt 4,6 Terawattstunden bräuchte der Konzern künftig 46 Terawattstunden Strom professional Jahr – viereinhalb mal so viel wie die Stadt Hamburg.

„Kein Funding Case hinter der Transformation“

Auch Vorstandschefin Merz kennt diese Zahlen. Am gleichen Tag, als die SPD-Abgeordneten die Auszubildenden im Stahlwerk besuchten, lud die Managerin das Kuratorium des Stifterverbands in die Essener Konzernzentrale ein. Der amtierende NRW-Ministerpräsident und CDU-Spitzenkandidat, Hendrik Wüst, hatte seine Teilnahme kurzfristig abgesagt – und warfare stattdessen ins Flutgebiet nach Unhealthy Münstereifel gefahren, um sich dort gemeinsam mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nach dem Fortgang der Aufbauarbeiten zu erkundigen.

Doch auch ohne den Ministerpräsidenten warfare die Veranstaltung im Saal des Q2 im Essener Quartier hochkarätig besetzt. Vor Branchenkollegen wie dem ehemaligen Eon-Chef Johannes Teyssen und SMS-Digitalchefin Katja Windt im Publikum schilderte Merz in einer Podiumsdiskussion ihre Sicht der Dinge. „Es steht derzeit kein Funding Case hinter der Transformation“, so die Managerin. Thyssen-Krupp könne Kosten und Nutzen der grünen Wende derzeit nicht angemessen darstellen. „Was wir brauchen, sind ein klarer Regulierungsrahmen und Anschubinvestitionen.“

Martina Merz

Die Vorstandschefin hat Zweifel, ob sich die grüne Transformation für das Stahlgeschäft unter den heutigen Rahmenbedingungen rechnet.



(Foto: dpa)

Doch während der Konzern bei seinem Umbau auf politische Unterstützung wartet, wird der Handlungsspielraum immer kleiner. Hatte Merz für das laufende Geschäftsjahr ursprünglich einen zumindest ausgeglichenen freien Barmittelzufluss in Aussicht gestellt, musste der Vorstand die Prognose vor einigen Tagen kassieren.

Der Wert gibt an, wie viel Geld dem Unternehmen etwa für Ausschüttungen an die Aktionäre zur Verfügung steht. Bei der Hauptversammlung 2023 könnte damit für die Eigentümer das vierte dividendenlose Jahr in Folge anstehen.

Für Merz, deren Vertrag nach der überraschenden Berufung im September 2019 in den kommenden Wochen zur Verlängerung ansteht, sind das keine guten Aussichten. Zwar kann die 59-Jährige bei der Sanierung der übrigen Konzernsparten auf einige Erfolge verweisen. So steht etwa der Verkauf des Bergbaumaschinengeschäfts an den dänischen Konkurrenten FLSmidth kurz vor dem Abschluss, auch wurde die verlustreiche Grobblech-Sparte geschlossen. Die Verluste im Section Multi Tracks konnte Merz so auf 50 Millionen Euro begrenzen, von 184 Millionen Euro im Vorjahr.

Als Nächstes stehen der Autoanlagenbau sowie das Zuliefergeschäft mit Federn und Stabilisatoren zum Verkauf an, heißt es in Finanzkreisen. Dabei hofft Thyssen-Krupp auf das Interesse von Anlagenbauern wie Komau, Fives oder Dürr, beziehungsweise von Autozulieferern wie Denso, Mando, Tenneco. Einige Hundert Millionen Euro könnten die Verkäufe im besten Fall einbringen.

Einnahmen von 500 bis 600 Millionen Euro peilt Thyssen-Krupp darüber hinaus als Erlös für den Verkauf von Anteilen an seiner Wasserstoffelektrolyse-Tochter Nucera an. Der Börsengang ist für das erste Halbjahr 2022 geplant, könnte sich aber verschieben, wenn die Volatilität an den Aktienmärkten zu hoch ist. Dabei will sich der Konzern von zehn bis 15 Prozent seiner Anteile trennen.

Krupp-Stiftung ist auf Dividende angewiesen

Klappen die geplanten Offers wie avisiert, stünde neues Kapital bereit, um damit beispielsweise die Transformation der Stahlsparte vorzufinanzieren. Doch angesichts der dramatischen Verwerfungen, die der deutschen Energieversorgung durch den Ukrainekrieg drohen könnten, gerät die Investition in eine Direktreduktionsanlage, die zunächst mit Erdgas und später mit grünem Wasserstoff betrieben werden soll, zur Hochrisikoinvestition. Neue Milliardengräber wie einst in Brasilien und den USA kann sich der Konzern kein zweites Mal leisten.

Auch die Aktionäre dürften kaum gewillt sein, noch länger auf Dividenden zu verzichten. So ächzt beispielsweise die Krupp-Stiftung darunter, dass ihre einzige Erlösquelle – die Dividenden von Thyssen-Krupp – seit mehreren Jahren ausfällt. Zwar kann sich Merz der Unterstützung ihrer größten Aktionärin sicher sein, die Vorstandschefin gilt als Vertraute von Kuratoriumschefin Ursula Collect. Doch der Druck dürfte auch im Fall einer Vertragsverlängerung steigen. Denn spätestens im kommenden Jahr muss die Stiftung ohne Dividende ihr bisheriges Fördervolumen einschränken.

Villa Hügel

Die Krupp-Stiftung ist auf die Dividenden des Ruhrkonzerns angewiesen, um wohltätige Zwecke zu verfolgen. Doch zuletzt gingen die Aktionäre regelmäßig leer aus.



(Foto: dpa)

Aus Sicht der Arbeitnehmervertreter indes wäre eine Landesbeteiligung die beste Possibility. Nachdem die bisherige CDU-Regierung hierzu eine eher ablehnende Haltung eingenommen hat, hoffen viele in der Belegschaft nun auf einen Sieg der SPD bei der anstehenden Wahl im Mai. Herausforderer Thomas Kutschaty kann sich sowohl eine Beteiligung an einer selbstständigen Stahlsparte als auch am Gesamtkonzern vorstellen – auch wenn die zweite Variante mit Blick auf die EU-Kommission aus seiner Sicht „wettbewerbsrechtlich schwierig“ werden könnte.

Für Betriebsratschef Tekin Nasikkol, der auch als Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat des Konzerns sitzt, ist in beiden Fällen allerdings klar: „Bevor ich bei der Politik um Hilfe bitten kann, muss ich zunächst als Eigentümer meinen Anteil leisten.“ Er sieht den Vorstand in der Pflicht, nun einen konkreten Plan vorzulegen, wie es mit der Stahlsparte weitergeht. „Ein Durchwursteln durch die Krise und die Transformation können wir uns nicht leisten.“ Die Weichen für die Zukunft des Standorts in Duisburg würden in den kommenden Jahren gestellt.

Mehr: Thyssen-Krupp-Chefin: Müssen „Putin klare Kante zeigen“



Supply hyperlink

Leave a Reply

Your email address will not be published.

close