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Tod einer Ärztin:„Die Polizei riet Frau Kellermayr, sich nicht so zu exponieren“


„In den Tod gehetzt“ überschrieb Florian Klenk, der Chefredakteur der österreichischen Wochenzeitung Falter, seinen Text, den er verfasste, nachdem die Allgemeinärztin Lisa-Maria Kellermayr am 29. Juli 2022 tot in ihrer Praxis in Oberösterreich aufgefunden worden war und die Polizei ein Fremdverschulden ausgeschlossen hatte. Monatelang war sie von Corona-Leugnern mit Hass und Hetze im Internet verfolgt worden, hatte Morddrohungen erhalten. Klenk stand mit ihr in engem Kontakt. Derzeit befindet er sich in einer Auszeit, wir sprachen mit seiner Stellvertreterin Eva Konzett.

Berliner Zeitung: Der Tod der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr erregt auch in Deutschland Betroffenheit. Es handelt sich ja nicht nur um ein persönliches Schicksal, sondern der Fall zeigt, dass Hass und Hetze im Netz einen Menschen zur Verzweiflung treiben können. Was genau ist passiert?

Eva Konzett: Lisa-Maria Kellermayr war eine österreichische Allgemeinmedizinerin, die sich von Beginn der Corona-Pandemie an mit dem Virus beschäftigt hat. Sie ist schon in der ersten Welle im Frühjahr 2002 Notfalldienste gefahren, hat Hausbesuche bei Corona-Kranken gemacht. Wenn Sie sich erinnern – das war die Zeit, in der man kaum Tests hatte, kaum Masken. Es war eine Zeit, in der eigentlich niemand wusste, was da jetzt auf uns zukommt. Und sie hat gesagt: Ich bin jung, ich hab keine Kinder, bin für niemanden verantwortlich und kann das machen.

Wie kam es zu dem Hass und der Hetze gegen sie?

Bis in den November 2021 hat sich in Österreich eine diffuse Mischung aus Corona-Leugnern, Impfkritikern und Rechtsradikalen formiert, die gegen die Maßnahmen, vor allem gegen die Impfung, protestierte. In Kellermayrs Heimatstadt Wels haben am 15. November 600 Menschen auf den Zufahrtsstraßen zum Klinikum demonstriert und versucht, das Tor für die Ambulanzwägen zu blockieren. Ein Video davon hat Frau Kellermayr retweetet und die Demonstranten kritisiert, mit dem Stichwort: #Covidioten. Und dann passierte etwas, das in der ganzen Sache entscheidend ist: Die Polizei hat den Tweet als Falschmeldung dargestellt. Dieser Kommentar wurde als Screenshot in einschlägigen Gruppen über Telegram und so weiter verbreitet.

Sie meinen bei Impfgegnern und Maßnahmenkritikern?

Genau. Mit dem Tweet gingen die Hassnachrichten erst richtig los. Kellermayr war davor schon angefeindet worden, aber das war der Schlüsselmoment. Wenige Tage später erhielt sie per E-Mail die erste Morddrohung.

Was hat Frau Kellermayr daraufhin gemacht?

Sie ist damit sofort zur Polizei gegangen. Das Ermittlungsverfahren verlief ergebnislos, weil die Beamten meinten, sie könnten den Urheber der E-Mail nicht ermitteln, da dieser aus dem sogenannten Darknet heraus agiere. Sie haben allerdings zwei Wochen lang Streife vor Kellermayrs Praxis gefahren und regelmäßig dort angerufen.

Privat

Zur Person

Eva Konzett begann ihre journalistische Laufbahn als Redakteurin beim Wirtschaftsblatt, wechselte dann zur Zeitschrift DATUM. Seit Februar 2019 arbeitet sie bei der österreichischen Wochenzeitung Falter, sie vertritt dort den Chefredakteur Florian Klenk.

Wann war das?

Um den Jahreswechsel 2021/2022 herum. Damals gab es in Österreich nur ein Thema, die Impflicht. Im Jänner ist sie auch gekommen, wurde aber im März ausgesetzt und im Juli ganz abgeschafft. Es gab auch nie Sanktionen für diejenigen, die sich nicht impfen lassen wollten, keine Geldstrafen. Aber die Diskussion um die Impfpflicht hat eine große Dynamik in die Corona-Leugner-Gruppen gebracht. Das hat sie total getriggert. Und gerade in Oberösterreich, wo sich in Seewalchen ja Lisa-Maria Kellermayrs Praxis befand, haben sich rechtsextreme Gruppierungen in diesen Protest eingemischt oder diesen sogar übernommen. Kellermayr wusste sich nur noch zu helfen, indem sie einen privaten Sicherheitsdienst engagierte, sie hat dann auch die Praxis kaum mehr verlassen.

Sie hat ja dann wieder eine Morddrohung erhalten. Hat sie sich denn wieder an die Polizei gewendet?

Am 5. Mai 2022 hat „Claas der Killer“, wie er sich nennt, wieder eine Morddrohung per Mail geschickt. Da schreibt er, wie er zuerst ihre Mitarbeiterinnen töten, mit dem Blut die Praxis besudeln und wie er sie dann selbst langsam verrecken lassen wird. Kellermayr hat sich wieder an die Polizei gewandt, diese hat dann den Verfassungsschutz alarmiert. Diesmal wendet sich die österreichische Polizei auch an die deutschen Behörden, denn sie geht davon aus, dass der Verfasser der Mail ein Deutscher ist.

Wie kommt die österreichische Polizei darauf?

Dieser „Claas der Killer“ verwendet die in Österreich ungebräuchliche Grußformel „Moin“ und schreibt, er habe Kellermayr im österreichischen Fernsehen gesehen. Wäre er Österreicher, hätte er wohl einfach von „Fernsehen“ gesprochen.

Es hat ja auch die deutsche Hacktivistin Nella Al-Lami die Spur der Morddrohungen verfolgt, die sie ins rechtsextreme Milieu führten.

Frau Kellermayr hat sich von den Behörden im Stich gelassen gefühlt. Ihre Forderung nach Personenschutz wurde nicht erhört. Sie hat dann die Praxis vorübergehend geschlossen und das öffentlich gemacht. So ist die deutsche Hacktivistin Nella Al-Lami auf sie aufmerksam geworden. Sie hat Recherchen dem österreichischen Verfassungsschutz zur Verfügung gestellt. Dieser sagt, die Beweisführung der Hacktivistin sei nicht stringent gewesen. Kellermayr selbst hat sich eher lobend über den Verfassungsschutz geäußert. Aber eigentlich war es ohnehin schon zu spät.

Was meinen Sie?

Mitte Juli erklärte Frau Kellermayr, dass sie die Praxis nicht mehr aufsperren wird. Sie hatte sie ja erst ein halbes Jahr vor Beginn der Corona-Krise eröffnet, hohe Kredite dafür aufgenommen, dann den privaten Sicherheitsdienst bezahlt.

Würden Sie sagen, die Polizei ist ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Was der Fall zeigt, ist die fehlende Sensibilisierung im Polizei- und im Justizapparat, was den Hass im Netz angeht. Dass man da nicht immer ernst genommen wird. Frau Kellermayr wurde ja auch sinngemäß geraten, sich nicht so zu exponieren, das Gegenüber nicht zu reizen. Das würde man wahrscheinlich nicht sagen, wenn man sie auf offener Straße niedergeschlagen hätte.

Jan Böhmermann hat in seiner Sendung Ende Mai über die großen Defizite bei der Strafverfolgung von Hassbotschaften im Internet in Deutschland berichtet. Das scheint ja in Österreich nicht viel anders zu sein?

So würde ich das auch sehen. In diesem speziellen Fall kam dazu, dass man den Täter im Ausland vermutet und die hiesigen Ermittlungsbehörden das dann nicht mehr als ihr Problem sahen.

Für wie entscheidend in dem Fall halten Sie die Tatsache, dass Dr. Kellermayr eine Frau war?

Sie hat das zumindest immer wieder thematisiert. Sie hat zum Beispiel früh angefangen, Corona-Patienten mit dem Asthma-Mittel Budesonid zu behandeln. Eine Oxford-Studie hat dessen Wirksamkeit dann auch bestätigt. Sie aber hatte das Gefühl, mit ihren Erkenntnissen nicht durchzudringen. „Mag es damit zusammenhängen, dass ich eine Frau bin?“, schrieb sie damals auf Twitter, das war im April 2021. Sie hat auch von Bodyshaming erzählt. Ganz allgemein muss man sagen, dass man als Frau immer exponierter ist im Netz.

Wie reagiert Österreich?

Es gibt am Montagabend in Wien am Stephansdom ein großes Lichtermeer zum Gedenken an Lisa-Maria Kellermayr und in einigen kleineren Städten. Parlamentarische Anfragen laufen.

Hilfe-Nummern

Ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen? Sie befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen? Wenn Sie sich nicht im Familien- oder Freundeskreis Hilfe suchen können oder möchten – hier finden Sie anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichen Sie rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen Sie Ihre Sorgen und Ängste teilen können. Auch ein Gespräch via Chat ist möglich. telefonseelsorge.de

Kinder- und Jugendtelefon: Das Angebot des Vereins Nummer gegen Kummer richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis sonnabends von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Sonnabend nehmen die jungen Berater des Teams Jugendliche beraten Jugendliche die Gespräche an. nummergegenkummer.de.

Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch Türkisch. mutes.de

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischen, regionalen, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de





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