Lifestyle

Warum Basken einen ostdeutschen Namen lieben


Mein Mann und ich laufen den Camino de Santiago, auch Jakobsweg genannt. In Deutschland kennt man den vor allem durch Hape Kerkeling. Sein Buch „Ich bin dann mal weg“ entfachte einen wahren Pilger-Increase. Später wurde aus dem Buch ein Movie. In dem läuft Schauspieler Devid Striesow lächelnd durch sonnig blühende Landschaften und findet sich selbst. Die Realität sieht (natürlich) anders aus. Sintflutartiger Regen, Schnee- und Hagelschauer, wüstenähnliche Hitze. Auf unseren knapp 400 Kilometern Fußweg bleibt uns kein Wetterphänomen erspart. Hinzu kommen volle Unterkünfte und geschlossene Geschäfte. Zwei Jahre Corona haben nicht wenigen von ihnen den Garaus gemacht. Die Suche nach Essen gestaltet sich dadurch schwierig. Der Movie zeigt von all dem nichts.

Am Anfang unserer Wanderung rettet uns die Familie meines Mannes. Mein Schwiegervater kommt aus der Gegend. Er ist Baske und stolz darauf. Gerade die Basken hatten unter Diktator Francisco Franco wenig zu lachen. Sprache, Kultur, Ressourcen. Vieles wurde verboten oder genommen. Mein Schwiegervater wanderte 1974 in die USA aus, dem Jahr bevor Franco starb. Seine Familie blieb. Mittlerweile leben intestine 80 Personen entlang des Jakobswegs. Wir treffen sie und freuen uns. Corona hat uns gelehrt, die Zeit zusammen zu genießen. Wir reden, feiern und essen. Zum Glück, sonst hätten mein Mann und ich jagen müssen.

Im Baskenland ist Euskera ein Privileg der Jugend

Gesprochen wird Spanisch, die baskische Sprache Euskera battle unter Franco ja verboten. Heute ist diese alte Sprache ein Privileg der Jugend – sie erlernt wieder, was die Jahre der Diktatur nur in kleinen Bergdörfern und dank baskischer Fischer überlebte. Auf dem Meer konnten sie mit französischen Landsleuten Euskera sprechen. So hielten sich auch kulturelle Eigenarten und Namen. Die Tante meines Mannes versichert mir, „Mandy“ sei kein ostdeutscher Identify. Nein, „Mendi“ ist baskisch und bedeutet Berg. Im Baskenland gibt es deshalb viele Mendias. Schön zu wissen, dass auch Ostnamen kulturelle Brücken bauen.

Mein gebrochenes Spanisch reicht, um mit der Familie über die DDR, die Nachwendezeit und deutsch-deutsche Geschichte zu sprechen. Schnell diskutieren wir Grundsatzfragen. Geschichtsschreibung zum Beispiel. Wer hat Stimme? Wessen Geschichte wird erzählt und wessen nicht? Basken wissen, diese Fragen sind wichtig. Sie selbst fallen regelmäßig aus der Geschichte.

Die Jakobsmuschel auf den Knöchel tätowiert

Auf halbem Weg treffen wir dann meine Schwiegereltern. Ihr Traum battle es, den Jakobsweg (noch einmal) zu laufen. Mein Schwiegervater lief ihn bereits vor fünf Jahren. Damals battle er 71 Jahre alt und einen Monat lang unterwegs. Danach ließ er sich die Jakobsmuschel auf seinen Knöchel tätowieren – dabei hasst er Tatoos. Der Weg habe sein Leben verändert, sagt er. Für einige Dinge im Leben scheint es nie zu spät.

Auf den letzten 100 Kilometern vor dem Endziel Santiago de Compostela ist der Jakobsweg ein anderer. Menschenmassen, Souvenirläden und Pilgerbusse. Wir sehen die Vermarktung von Glauben und das kommerzielle Zelebrieren katholischer Missionierung. Man könnte es abstoßend finden, aber jede:r läuft seinen eigenen Weg – auf dem Camino wie im Leben. Mir erlaubt der Jakobsweg, Familie zu sehen und Nordspanien zu Fuß zu erkunden. Vielleicht laufen ja auch mein Mann und ich am Ende lächelnd durch sonnige Landschaften – die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.



Supply hyperlink

Leave a Reply

Your email address will not be published.

close