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Warum wollen alle lieber fühlen als wissen?


Die Schelde treibt langsam und giftig an mir vorbei, ich sitze mit angezogenen Beinen am Ufer und beobachte Fischreiher, wie sie mit ihren langen Schnäbeln nach Stichlingen schnappen. Dieser Fluss, im Hafen der Stadt Antwerpen, zieht all das mit sich, was wir Menschen produzieren, denke ich.

Wolken hasten durch einen blauen Himmel, werfen Schatten; im Hintergrund ein Chemiewerk, so groß wie eine Brandenburgische Stadt. Wenige Menschen bedienen Ventile und produzieren den Stoff, aus dem wir Träume herstellen: Plaste.

Andere Werke produzieren hier Chemikalien, die Kaffeebecher versiegeln, unsere Welt wasserabweisend machen. Und krank. Wie ein menschlicher Körper produzieren diese Unternehmen Abfälle, die wir kaum verstehen. Der Fischreiher schluckt sie herunter, wie eine giftige Medizin. Und er wird nicht gesund sein. Ich erkenne ein krüppeliges Füßchen, einen brüchigen Schnabel in seinem Vogelgesicht.

Dafür oder dagegen?

Ich sitze, strecke jetzt die Beine aus, im Schatten des Atomkraftwerks Doel. Vier Blöcke, zwei Schornsteine, die den Wasserdampf als falsche Wolken in den Himmel atmen. 2017 hat dieses Kraftwerk 20.681 Gigawattstunden in das Netz, das wir Menschen wie feine Adern über diese Welt gelegt haben, eingespeist.

Ich verstehe es nicht. Verstehe diese Zahl nicht, verstehe nichts an diesem Atomkraftwerk.

Ein Fuchs beobachtet mich und weiß nicht, dass ich ihn sehe. Er hebt eine Pfote, und ich rufe zu meinen Arbeitskollegen, die Aufnahmen vom Atomkraftwerk machen, dass es hier sogar Füchse gibt.

Diese binäre Welt, denke ich, macht mich verrückt. Wir können nur noch meinen, indem wir gegen oder für etwas sind. Ich spüre das an diesem Atomkraftwerk. Für oder wider.

Würde ich hier schreiben, dass ich fasziniert von Atomkraft bin, dass ich mich als Laie mit dieser Technik beschäftigt habe, dass ich schon als Kind, als ich das Jugendweihe-Buch meines Vaters „Weltall, Erde, Mensch“ auf dem Bauch liegend durchgeblättert habe, fasziniert davon war, – fasziniert auch von fliegenden Autos, von Raumstationen und der sorglosen Welt, die sich nicht mehr umbringen muss, eine Welt, die nicht energieverhungert – würde ich das hier schreiben, dass ich eine Chance in der Forschung an Atomkraft sehe, würde es passieren: Ich würde in dieses binäre System fallen. Ich wäre nicht mehr der Mensch, der ich bin, sondern ich würde von Gegnern der Atomkraft als FDP-wählender Neoliberalist bezeichnet werden.

Unsere Gefühle bewirken nichts

Nichts läge mir ferner. Aber ich wäre es trotzdem. Ich müsste beweisen, dass ich kein Mensch bin, der sich Märkte wünscht, die sich selbst regulieren würden. Ich müsste beweisen, dass ich andere nicht für mich ausbeuten würde. Und wenn ich erklärt haben würde, wie ich wäre, würden wir nicht mehr über Atomkraft diskutieren. Sondern über uns. Wer wir sind, was wir sind.

Unterhaltungen sind in Zeiten wie diesen schwer zu ertragen. Wann reden wir endlich wieder über die Sache und nicht, wo wir uns in einem Thema positionieren?

Der Welt, dem Krieg, der Krankheit, der Energie ist es egal, wer wir sind, was wir fühlen, was wir für richtig halten. Die Welt, der Krieg, die Krankheit, die Energie bleiben problematisch, auch wenn wir als einzelner Mensch das Gefühl haben, uns für die richtige Seite zu entscheiden.

Besonders hier an dem Fluss, an diesem Hafen in Antwerpen, an dem die Logistik der Welt, die Chemie dieses Planeten, die Energie Europas produziert wird, wird deutlich, dass wir lieber fühlen als wissen wollen.

Die gefühlte Wahrheit ist einfach, weil sie Fehler erlaubt. Ich habe mich diesen Gesprächen entzogen, weil ich mich entschieden habe, zu lesen. Ich will es verstehen. Bevor ich meine, will ich es wissen.

Wissen beruhigt

Die Bücher, die ich in der Buchhandlung meiner Mutter bestelle, sind fachbüchiger denn je. Und diese klebrige Unruhe in meinem Kopf verschwindet mit jeder Seite, die ich verstehe, mit jedem Umblättern.

Der Krieg wird nicht nachvollziehbarer, aber das unverständliche Grauen wird erklärbarer. Die Atomkraft verliert ihren Schrecken im Ausblick auf die europäische Zukunft. Fliegende Autos und Raumstationen sind in weite Ferne gerückt. Die Zukunft ist düster, aber sie überrascht mich weniger. Das ist, so zynisch das klingen mag, beruhigend.

Ich beobachte den Fuchs, sein Gesicht, das nur bei Füchsen fein und schuldig sein kann, er wendet sich ab, er nascht eine Schnecke. Ich meine, zwischen all dem unhörbaren Lärm dieser Welt das Knacken des Schneckenhauses in seinem Maul zu hören. Der Reiher steigt auf, nutzt die warme Luft aus dem Kernkraftwerk für seinen Auftrieb. Es klappt, trotz kaputter Kralle und brüchigem Schnabel.

Ich greife in meinen Rucksack, nehme ein Buch heraus und arbeite mich weiter heran an diese Welt. Um sie besser verstehen zu können. Nur für mich. Nicht für andere.



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