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„Warum wundert sich die Welt über den Verbrecher Putin?“


Der Sänger, Publizist und Übersetzer Ekkehard Maaß empfängt uns in den Räumlichkeiten, in denen er normalerweise seinen literarischen Salon abhält und wo er auch wohnt. Kaum ein Zentimeter Wand ist zu sehen, alles hängt voller Kunstwerke, Regale reichen bis an die Decke, es gibt einen großen Tisch, Kirchenbänke und einen Samowar. Wie viel Welt in einen Raum passt! Maaß hat schon zu DDR-Zeiten nicht immer legal die Sowjetunion bereist und nach der Wende unter dem Eindruck der Tschetschenienkriege die Deutsch-Kaukasische Gesellschaft gegründet. Er kennt die Muster und Folgen der putinschen Außenpolitik aus eigener Anschauung. Wir haben ihn um seine Einschätzung gebeten.

Herr Maaß, woher kommt Ihre Affinität zu Osteuropa?

Ich bin ein „Opfer der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“, schon seit den 70er-, ach was, seit den 60er-Jahren. Schon als Kind war ich eng befreundet mit den sowjetischen Soldaten, die in den Wäldern um mein Heimatdorf ihre Sommerlager hatten und mit denen ich am Feuer saß. Dort habe ich Russisch gelernt. Das waren alles junge Männer mit großen traurigen Augen, natürlich nicht nur Russen, sondern auch Kasachen, Weißrussen, Ukrainer, Litauer, Georgier, eine bunte Mischung, wie das so ist bei der Roten Armee. Diese Freundschaft hat mein Interesse für Osteuropa und die russische Geschichte geweckt. Die Kommunismus-Geschichte des letzten Jahrhunderts ist mein Lebensthema. Das hat auch etwas mit meinen deutsch-baltischen Vorfahren in St. Petersburg zu tun.

Wie schätzen Sie den Krieg mit der Ukraine ein? Trifft den Westen mit seiner Nato-Osterweiterung und seinen Marktinteressen eine Mitschuld?

Niemand hat das Recht, ein anderes Volk, wie jetzt das ukrainische, zu überfallen, zu beschießen, Frauen und Kinder leiden zu lassen und zu töten. Das ist durch nichts zu rechtfertigen. Schon gar nicht damit, dass die Nato Länder aufgenommen hat, die das selbst aus berechtigter Angst vor Russland beantragt haben. Und wenn Putin die Bedrohung durch die Nato beschwört, ist das nichts als Propaganda. Das Einzige, was Putin fürchtet, ist die Demokratie, die rechtsstaatliche Entwicklung, die auch in Russland durch die jüngeren Generationen immer mehr eingefordert wird. Wenn jetzt die Bilder von den Zinksärgen durch die sozialen Medien und das Internet in Russland einsickern, wird es vermutlich Proteste geben.

Berliner Zeitung/Markus Wächter

Der Mann mit der Gitarre

Ekkehard Maaß wurde 1951 in Naumburg (Saale) als Pfarrerssohn geboren, er studierte Theologie und Philosophie, wurde als Freund von Wolf Biermann relegiert. Wie dieser tritt Maaß mit der Gitarre auf und singt vor allem nachgedichtete Lieder von Burat Okudschawa. 

Seit 1978 veranstaltet er literarische Salons, bei denen von Christa Wolf über Bert Papenfuß bis Katja Lange-Müller viele zu DDR-Zeiten auch oppositionelle Autoren auftraten. 

1997 gründete er die Deutsch-Kaukasische Gesellschaft und leistet seitdem ehrenamtlich politische, kulturelle und humanitäre Arbeit mit Menschen aus der Region, die er seit den 1970er-Jahren immer wieder bereist.

Wieso glauben Sie, dass die Proteste jetzt etwas bewirken könnten?

Bisher konnte Putin mit außenpolitischen Erfolgen punkten. Mit der Besetzung der Krim, mit dem Krieg in Georgien 2008. Aber diese nationalistische Beruhigungspille wird nicht mehr wirken. Ich halte Putin für sehr gefährlich. Was er jetzt in der Ukraine macht, hat dasselbe Muster wie das, was wir schon im Zweiten Tschetschenienkrieg erlebt haben.

Welches Muster ist das?

Er führt Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Wir von der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft warnen seit über 20 Jahren vor Putin. Er ist verantwortlich für die schlimmsten Kriegsverbrechen, die man sich vorstellen kann. Am 20. Oktober 1999 flogen drei Boden-Boden-Raketen auf Grosny, die eine traf einen belebten Markt und tötete 137 Menschen, 250 wurden verletzt, das war wie ein Fleischwolf. Das war die Hölle. Die tschetschenischen Kämpfer waren in den Bergen versteckt und schwerer zu treffen. Deswegen hat der Krieg auch so lange gedauert. Und ich fürchte, so wird es auch in der Ukraine passieren. Die russische Armee wird versuchen, das Land militärisch zu besetzen, dann werden alle Patrioten und vermeintlichen Gegner gefangen genommen, gefoltert und getötet, um dann eine Marionettenregierung zu installieren, die wie Kadyrow in Tschetschenien für Putin die Drecksarbeit übernimmt. Zu Beginn der 2000er-Jahre saßen bei mir jeden Tag 15 bis 20 Tschetschenen am Tisch, unter ihnen schwerste Folteropfer, die mich um Hilfe in ihren Asylverfahren baten. Sie berichteten mir von grausamen Geschichten, wie Gefangene mit Strom gefoltert, skalpiert oder mit Kettensäge zersägt wurden. Einer Frau hat man das Kind in die Waschmaschine gesteckt und angeschaltet, um sie zu erpressen. Ich habe große Angst, dass Ähnliches in der Ukraine geschieht, um den Widerstand zu brechen. Putin ist schon seit dem Zweiten Tschetschenienkrieg ein Kriegsverbrecher und müsste vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verurteilt werden. Das ist nicht möglich, solange er als russischer Präsident Immunität besitzt. Deswegen klammert er sich an die Macht. Ich werfe dem Westen vor, dass er auf die russischen Verbrechen im Tschetschenienkrieg nicht adäquat reagiert hat. Man hat Russland machen lassen, weil man ein großes ökonomisches Interesse an ihm hatte. Das ist unverzeihlich und rächt sich jetzt. Sergej Kowaljow, der ehemalige Dissident und Mitgründer von Memorial, sagte immer wieder, wenn man in den Fragen der Menschenrechte einen Fingerbreit nachgibt, folgt eine Lawine nach. Das haben wir jetzt.

Wie kann es sein, dass es ein Verbrecher an die Spitze des russischen Staates gebracht hat?

Als die Sowjetunion zusammenbrach, wurde der russische Geheimdienst KGB – Schild und Schwert der Kommunistischen Partei – arbeitslos. Der KGB mit seinen bestens ausgebildeten Leuten hing in der Luft und tat sich mit dem organisierten Verbrechen zusammen, um das Land auszuwringen und auszupressen. Alexander Litwinenko wurde in London vergiftet, weil er das öffentlich machte. Warum wundert sich die Welt über Putin? Er verfolgt seit Machtantritt eine aggressive Politik vom Krieg in Tschetschenien über den Einmarsch in Georgien, die Besetzung der Krim, die Anerkennung von Luhansk und Donezk bis zum jetzigen Krieg in der Ukraine. Es ist dieselbe Politik wie in Abchasien und Südossetien. Zuerst werden russische Pässe ausgegeben, auch an viele Nichtrussen, die sich davon einen Vorteil versprechen. Dann müssen die russischen Bürger vor einem „Genozid“ gerettet werden. Dieses Muster droht auch in den baltischen Ländern, zum Beispiel in Estland, wo mit dem Aufbau einer Industrie eine große Zahl von Russen angesiedelt wurde.

Ist es gut, aufzurüsten und Waffen zu schicken?

Es ist schwierig, vorauszusagen, wie dieser Krieg sich entwickelt. Ich hoffe, dass die massive Unterstützung der Ukraine aus dem Westen Putin zu Friedensgesprächen zwingt. Beim Tschetschenienkrieg war es schwieriger, Unterstützung zu finden, weil Putin erfolgreich Lügen über die Tschetschenen verbreitet hat: Das seien Terroristen und Ungeziefer, die müsse man in der Toilette ersäufen usw. Das kann er beim „Brudervolk“ der Ukrainer nicht. Der Krieg wird lange dauern, die Ukrainer werden ihr Land verteidigen, auch wenn Selenskyj getötet und Kyjiw eingenommen wird. Das wird den Kreml viel kosten. Und zusammen mit dem ökonomischen Druck der Sanktionen wird die russische Bevölkerung merken, dass da was nicht stimmt.

Sollte der Westen um des Friedens willen einer Spaltung der Ukraine zustimmen?

Das sind politische Fragen, die ich nicht beantworten kann. Ich erinnere an das Münchner Abkommen, bei dem Nazideutschland das Sudetenland überlassen wurde. Die Annahme, dass man Hitler damit zufriedenstellt, war ein Fehler. Und wer weiß, was Putin danach einfallen würde. Man hofft, dass die baltischen Staaten durch ihre Nato-Mitgliedschaft vor seinen imperialistischen Interessen geschützt sind. Nicht die Nato, nicht Amerika hat sich da ausgebreitet, sondern diese Länder haben die Anträge auf Mitgliedschaft gestellt, weil sie sich, berechtigt, wie wir jetzt sehen, von Russland bedroht fühlen.

Ist der Westen nicht daran interessiert, dass sich die Ukraine in seine Richtung orientiert? Putin behauptet, in der ukrainischen Regierung sitzen Marionetten des Westens, abgesehen davon, dass er sie als Nazis und Drogenabhängige bezeichnet …

Das ist alles Quatsch. Meine Freunde waren 2014 auf dem Maidan und haben miterlebt, wie die Leute für ihre Unabhängigkeit und für eine zivilisierte Gesellschaft gekämpft haben. Dass das schwierig ist, nachdem das Land von einem postsowjetischen korrupten Regime beherrscht wurde, ist doch klar. Wer dann da auf dem Maidan wirklich geschossen hat, ist für mich eine dunkle Frage. Die rechten Kräfte, die sich dort hineingemischt haben, sind doch eigentlich die Kräfte, die massiv von Putin unterstützt werden in ganz Europa. Ich halte es für denkbar, dass sie dort als Provokateure eingesetzt wurden.

Fühlen Sie sich bedroht?

Ich habe mich mit meiner Kritik an Putin und Kadyrow ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt. Ich beruhige mich damit, dass ich nicht ganz oben auf der Todesliste stehe. Ich bin denen ein Dorn im Auge, aber vielleicht nicht so sehr wie meine Freunde Sait-Hasan Abumuslimow oder Apti Bisultanow, denen Kadyrow den Tod geschworen hat. Oder der tschetschenische Kommandeur Selimchan Changoschwili, der 2019 im Tiergarten ermordet wurde. Die Witwe, die mir am Tag der Urteilsverkündung ein Interview gab, war sehr zufrieden mit dem Urteil, in dem nicht nur der Mörder eindeutig überführt wurde, sondern auch festgestellt wurde, dass er im Auftrag der russischen Regierung handelte. Das sind staatsterroristische Verbrechen, die Putin anzulasten sind. Es sind über zweihundert Menschen, die im Zusammenhang mit Tschetschenien ermordet wurden, abgesehen von Boris Nemzow und Anna Politkowskaja. Ich wollte die Zahl nicht glauben, aber Memorial hat mir die Liste mit den Namen vorgelegt: Tschitaj! Lies!

Wie kann der Krieg enden?

Putin wird vielleicht noch lange an der Macht sein, weil er sich als Diktator in das Land eingekrallt hat. Er ist einer der reichsten Männer der Welt, er besitzt mehrere große Paläste im Norden und im Süden. Soll er sie haben, vielleicht drückt er am Ende deswegen nicht auf den Atomknopf. Ich halte den Krieg für eine echte Bedrohung und weiß nicht, wie er beendet werden kann. Ich hoffe, dass der Widerstand der Ukrainer anhält und Putin der Krieg zu teuer wird. Und wenn dazu noch, und das wird so sein, die Unzufriedenheit der eigenen Bevölkerung kommt … Auch mit einer gleichgeschalteten Presse und mit dem Verbot von Memorial ist die Wahrheit nicht zu unterdrücken. Jeder, der will, kann sich informieren. Die Propaganda wird bröckeln. Nicht die Nato ist der Feind Russlands, sondern Putin. Er richtet Russland zugrunde. Putins Feind sind Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, davor fürchtet er sich. Das ist seine Bedrohung, gegen die er auch mit der Verhängung des Kriegsrechts nicht ankommen wird.



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